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Herzensmomente



Herzen zeigen ist so eine neue Sache oder? Ein Fussballer erzielt ein Tor, rennt zur Tribüne und formt mit seinen Händen oder Fingern ein Herz. Und endlich gibt es auch ein Emoji und alle sind glücklich, dass sie nun einen Herzensmoment senden oder übermitteln können. In einer Zeit, in der Krieg herrscht, sich Naturkatastrophen ereignen und wir jeden Tag in den Medien von unfassbaren menschlichen Schicksalen lesen, sehen oder hören, sind Herzensmomente rar. In einer Zeit, die immer schneller rast und Leistungen immer noch besser sein müssen, in der Ruhe und Besonnenheit rar sind, brauchen wir diese kleine Auszeit der Herzensmomente. So auch ich.


Letzthin hatte ich eine Begegnung mit einem ehemaligen Mitarbeiter. Ich konnte mich leider nicht richtig von ihm verabschieden, da er bei meinem Austritt in den Ferien war. Aber dann habe ich ihn wiedergesehen, weil er mir eine Lieferung brachte. Bei dieser Lieferung überreichte er mir ein Geschenk – nachträglich zum Abschied. Und bei der Übergabe sah ich zwar den Zettel, der am Geschenk aufgeklebt war, aber ich habe den Text erst später gelesen. Er hat mir geschrieben, er sei sehr dankbar, Teil in meiner Crew gewesen zu sein. Und wortwörtlich schrieb er: «We will miss you, have a great new start», und ganz unten noch dies: «WITH LOVE». Es hat mich auf eine Art gerührt, die mir beinahe die Tränen in die Augen getrieben hat. Der ehemalige Mitarbeiter hat mir einen Herzensmoment geschenkt, die Geste, aber auch die Worte und schlussendlich die Begegnung, die sehr herzlich war, weil wir uns beide aufrichtig gefreut haben, einander wiederzusehen.


Ein ganz anderer, aber ebenso herzlicher Moment ereignet sich, als ich an einem Sonntag mit dem Zug von Interlaken nach Meiringen fuhr. Der Zug war sehr gut besetzt und für Schweizer Verhältnisse schmutzig, so als ob eine Wandergruppe mit ihren Dreckschuhen durch den ganzen Zug marschiert wäre und vor jedem Abteil haben sie einen Stopp eingelegt. Aber ja nu, so de dachte ich mir. Auf einmal kam ein Mitarbeiter der Bahn mit einem Staubsauber und hat im fahrenden Zug den Boden gesaugt. Viele Fahrgäste haben nicht mal für drei Sekunden ihre Füsse angehoben, sondern haben ihn angestarrt als wäre er ein richtiger Störenfried. Als er bei mir angekommen ist, habe ich mich bei ihm bedankt und artig meine Füsse hochgezogen. Er hat zu mir gesagt, ich sei heute die erste Person, die ihn gegrüsst und sich bei ihm bedankt hätte. Natürlich, es gehört zum Service, aber das ist nun wirklich ein 5-Sterne-Service. Als ich in Meiringen ausgestiegen bin, hat er mir noch zugewunken. Ein Herzensmoment.


Die Herzensmomente lauern überall, wir müssen nur offen sein für diese Momente. Ein Kinderlachen, ein Augenkontakt mit der Person hinter der Verkaufstheke oder hinter der Bar. Ein Moment der Aufmerksamkeit und der Dankbarkeit.


Wir brauchen keine künstliche Intelligenz, wir brauchen mehr Herzensmomente.



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