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Trennung – aus, fertig, Schluss

Zum Jahresende also werde ich schlussmachen mit dir – du meine grosse Berufsliebe. Was haben wir für Zeiten durchgemacht. Blütenzeiten und goldige Jahre und dann ging es immer ein bisschen talwärts und zuletzt noch die grosse coronaristische Bruchlandung. Ich stets an deiner Seite, sind wir durch dick und dünn gegangen. Was habe ich mich manchmal über dich aufgeregt und mit dem Glück gehadert. Einmal habe ich dich kurz betrogen, als mein Vater gestorben ist. Aber nur kurz, dann haben wir uns wieder gefunden. Wir haben durchgehalten bis eben jetzt, wo ich einfach nicht mehr genug Energie aufbringen kann und es mich auch ein bisschen langweilt. Mich ödet meine Berufswelt an, weil ich das Gefühl habe, nicht mehr weiterzukommen, dieses sich-im-Kreis-Drehen, um die immer gleichen Themen. Personalkosten, Miete, Fachkräftemangel; unser Stand jammert auf ähnlich hohem Niveau wie einst die Bauern. Ich weiss, «it takes two to Tango».


Als wäre es gestern, kann ich es förmlich noch spüren, dieses Feuer, welches ich in mir trug, in den Anfangszeiten als Praktikantin. Jung, voller Tatendrang und voller Spirit, die Leiter so rasch als möglich hochzuklettern. Ich wollte dazugehören, zu diesen «Chefs de…». Damals war die Branchensprache noch Französisch. Und noch heute finde ich «Chef de» viel edler, als «Managerin». Dieses Gefühl, wenn man von Saison zu Saison dem Ziel immer näherkam, «Chef de» zu werden. Doch nicht nur die Berufserfahrung sammelten wir wie Trophäen, sondern auch die Lebenserfahrung. Gäste und vor allem Mitarbeiterinnen aus aller Welt begleiteten meinen Weg und ich war Feuer und Flamme, ging durch berufliche Rückschläge wie ein feuriger Teufel durch den Eiskanal und wusste zuweilen nicht einmal, wofür ich so brannte. Für mich gab es in meinen 20er-Jahren nur Lösungen, keine Probleme und ich liebte sie heiss, diese Hotellerie. Das Leben zwischen Lotterhütten von Personalunterkünften, bis hin zu grossartigen Anlässen mit allem Blingbling und Gästen, die ausgehungert waren und sich unter ihresgleichen übertrafen mit Anlässen. Was haben wir uns in der Kantine amüsiert und geärgert, zusammen durchgehalten und uns von Saison zu Saison durchgearbeitet. Wer es nicht erlebt hat, kennt es nicht. Es entstanden wunderschöne Freundschaften, die bis heute Bestand haben. Aber man liess auch Wegbegleiter zurück, weil es eben doch nur eine Saison gedauert hat.


Und dann wurden die Berufsjahre ruhiger und ich bleib der Branche zwar treu, aber mehr im Hintergrund. Sich als Vollblutpferd an Treuhänderinnen, Wirtschaftsprüferinnen, Steuerexpertinnen etc. (also Branchenponys) anzupassen, ja, für mich war das schon eine grosse Nummer. Und dann wieder zurück zur Basis, aber immer noch im Hintergrund, nicht mehr als feuriger Vollblütler, nein, vielleicht eher als gemächlicher Haflinger, mit einer gesunden Altersmilde. Aber wer mich kennt weiss, wenn ich für etwas brenne, dann kann ich sogar als Haflinger noch bei Ascot laufen.


Und jetzt ist also Schluss mit den Themen Schlafen, Essen und Trinken. Schluss mit Warenkosten, Personalkosten und neuen Konzepten. Schluss mit dem Wollen und schlussendlich nicht Können, weil es immer wieder am Einen fehlt.


Es wird mir weh tun, dir den Rücken zu drehen und dich tatsächlich zu verlassen, du meine grosse Liebe. Ich bin nicht gut im Abschiednehmen, bin nicht konsequent darin, eine Türe zuzuschlagen, bin nicht gut im Ziehen von eiskalten Schlussstrichen – deshalb lasse ich mir eine Türe noch offen und bin mit zwei Herzensprojekten noch in deiner Nähe. Dabei im Hintergrund, mit der Altersmilde, die grau-weisse Eminenz halt.


Es war mir eine Ehre, mit dir über all diese wunderbaren Parkette der Schweizer Hotellerie und Gastronomie zu tanzen. Ich werde dich vermissen, weil ich dich immer noch heiss liebe, aber meine Energie reicht einfach nicht mehr, um dir das zu geben, was du verdienst. Dieser Blog ist für all die Leute, die es nicht verstehen oder sich nicht trauen, mich nach dem WARUM zu fragen. Aber auch für die, die meine Liebe gänzlich verstehen und vielleicht etwas mit mir trauern. Und wahrscheinlich ist er einer meiner persönlichsten Blogs.

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