Olympische Fasnacht
- vor 3 Tagen
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Die Olympiade Milano Cortina 2026 ist seit ein paar Wochen zu Ende. Mein TV-Konsum ist während der Olympiade ebenfalls olympisch, ich mag diese Zeit, die Vorfreude, und ich mag die Überraschungen und die Dinge, die eben nur an Olympia passieren können oder dürfen. Der Wandel der Zeit hat auch hier nicht Halt gemacht, sie rauschen sozusagen im Schnellzug vor unseren Augen vorbei. Rekorde, Weltrekord,olympische Rekorde, gezüchtete Goldmenschen. Was aber für mich Olympia ausmacht, sind die Siegerinnen und Sieger, mit denen man nicht gerechnet hat. Ich schaue mir auch Sportarten an, die ich sonst eigentlich nie schaue. Eiskunstlauf oder Curling oder Eisschnelllauf oder Biathlon. Alles lief für mich wie am Schnürchen, bis zu dem Tag, als die Dramen ihren Lauf nahmen.
Lindsey Vonn stürzt nach zwölf Fahrsekunden – und fertig ist der Traum. Grosses Drama, offenbar Totenstille im Zielraum. Alle sind schockiert, und Lady Vonn stiehlt mit ihrem Drama den Sieg ihrer Landsfrau Breezy Johnson. Breezy verfügt zum Glück über ein gesundes, amerikanisches Selbstvertrauen und kann trotz dem Vonn-Drama ihren Sieg feiern. Freunde, es können nicht alle gewinnen – so ist es im Leben. Dann das Wunder von Cortina, Federica Brignone gewinnt den Super-G und den Riesenslalom nach einer schweren Verletzung. Tränen und italienisches Drama vom Feinsten. Und dann war da ein norwegischer Langläufer, der tränenüberströmt seinen vor-olympischen Seitensprung live im TV gesteht. Ein Tubel, aber auch hier: Drama garantiert. Seine Sponsoren werden ihm diesen Seitensprung verzeihen, ob es seine Ex-Freundin auch tut, sei dahingestellt.
Und jetzt noch zu den dramatischen Heiratsanträgen im Zielraum, auf dem Eis oder wo auch immer. Ja, kann man machen, wenn man sich so selten sieht, warum nicht gleich die grosse Bühne nutzen? Nicht, dass sie je im Zielraum einen Heiratsantrag bekam, aber ich stelle mir gerade Marie-Therese Nadig in Sapporo vor. Ich habe es gesagt, die Dramen werden sichtbarer ausgetragen und gelebt. Und weil dann das Drama so dramatisch war und der gute Odermatt dem geschmeidigen Simmentaler aus der Simmentaler Rennzucht den goldigen Vorrang lassen musste, ja, dann hat sich der Weltbeste halt verkleidet und seinen Kopf an der Luzerner Fasnacht ausgelüftet. Für sich, halt ohne Drama, aber dafür vielleicht im Pyjama.
Fasnacht sollte übrigens auch olympisch werden. Ich würde ja nie an die Fasnacht gehen, weil ich damit nichts anfangen kann, schon gar nicht mit den Guggenmusigen. Allerdings, wenn schon Fasnacht, dann bitte die Basler Fasnacht. Die Schnitzelbänke sind schon olympisch und dort wird am Drama auch nicht gespart.
Das beste Finale eines Dramas fand ich dann schlussendlich bei den USA-Eishockeyfrauen, die statt der halbherzigen und lächerlichen Einladung des Präsidenten schlussendlich einfach der Einladung des kanadischen Premierministers Carney gefolgt sind. Zusammen mit den kanadischen Eishockeyfrauen. Hier hat das Drama einen versöhnlichen Schluss gefunden.
Vielleicht sollten wir wirklich eine olympische Disziplin «Dramaturgie» einführen. Gold für Italien – rein emotional sowieso unschlagbar. Silber für die USA, zwischen Sturz, Selbstvertrauen und diplomatischem Eishockey-Finale. Bronze für Norwegen, für Mut zur öffentlichen Selbstzerlegung. Und die Schweiz? Wir holen Gold im gepflegten Understatement mit anschliessender Fasnachtsflucht im Pyjama. Geschmeidig wie ein Simmentaler auf Abwegen.
Und so sitze ich also da, mit leer gegessener Olympia-Schokolade, leichtem Guggenmusik-Tinnitus und der Erkenntnis: Drama können wir. Weltklasse. Disziplinenübergreifend. Synchron, einzeln, auf Skiern, auf Schlittschuhen oder im Zielraum mit Ring in der Hand.
Adieu merci.






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