Altleutenfahrt
- tinamueller33
- vor 11 Stunden
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In Zweisimmen war es früher so: Seniorenfahrten hiessen einst Altleutenfahrt und es wurde nicht mit dem Car gefahren, sondern mit den Privatautos. Eine der Chaufferinnen war meine Mutter. Die haben also die Senioren und Seniorinnen irgendwo hingefahren, es gab ein Zvieri und dann fuhr man wieder im Konvoi nach Zweisimmen. Die Fahrerinnen liessen den Abend dann fröhlich in der Krone ausklingen. So weit so gut. Jetzt ist es so, meine Mutter ist mit 90 Jahren nicht mehr Chauffeuse, sondern Teilnehmerin. Im September war dieser Anlass. Ich habe es vergessen, obwohl sie es mir gesagt hatte, und ich wollte sie etwas fragen, habe vormittags um 11 Uhr angerufen und sie war nicht da. Da mache ich mir noch nicht so viele Gedanken, meine Mutter ist öfters unterwegs. Sie hat mich dann zurückgerufen, und zwar abends um 21.45 Uhr. Ich bin in so einem Alter, dass wenn die 90-jährige Mutter abends um 21.45 anruft, das Herz grad mal pumpt. Auf der anderen Seite sind wir ehrlich, wenn sie anruft, kann ja nichts passiert sein – das Herz sollte höher schlagen, wenn einer meiner Brüder anruft.
Item, zurück zur Altleutenfahrt.
Mutter Müller war erfreut und es sei schön gewesen und sie sei oben im Car gesessen, sie könne ja noch gut die kleine Treppe hinaufgehen. Dann gab es Essen, die 90-jährigen und ältere Seniors wurden geehrt. Dann nach Hause und jetzt kommts:
Dann ging man noch in den Bären, auf einen Absacker. Ein grosser Tisch und es gab Rotwein und geselliges Beisammensein. Und sie erzählte, wer da noch war und wer was gesagt hat (meine Mutter hat noch kein Hörgrätli und hört sehr gut). Um 21.00 Uhr sei dann die Delegation West abgefahren, die hatten eine Fahrgemeinschaft, so auch Kollege Hans. Um halb 10 ist dann meine Mutter auch nach Hause gefahren.
Mutter Müller hat so einen Reflex, immer wenn sie nach Hause kommt, schaut sie auf dem Telefon nach, ob jemand und wer sie angerufen hat. Zwei Anrufe in Abwesenheit, Hans und ich. Sie hat zuerst Hans angerufen, wahrscheinlich in Sorge, es sei etwas passiert. Hans' Partnerin hat abgenommen und meiner Mutter gesagt, Hans hätte nur wissen wollen, wie lange sie noch im Bären gewesen sind und was er verpasst hat. Freunde des Lebens, sie sind 90+ und Hand aufs Herz, also da fühle ich mich dann schon in die Teenagerzeit zurückversetzt: Man hat sich beim Kiosk am Bahnhof verabschiedet, ist nach Hause gefahren und hat gleich wieder telefoniert, um zu wissen, ob man allenfalls etwas Weltbewegendes verpasst hat, in vielleicht 30 Minuten.
Sollte ich ein paar Gene meiner Mutter haben? Ühhhh… dann wird da nichts mit:
«Guet Nacht am 6i.»






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