Die Bank

Es ist schon eine ganze Weile her, seit ich in meiner Hausbank war. Das kommt davon, wenn wir den Banken, die ja offenbar in finanziellen Schwierigkeiten stecken, die Arbeit abnehmen und das wie es sich gehört, digital.


Nun ist es bei mir so, dass ausgerechnet die wichtigste App seit ein paar Wochen nicht verfügbar ist. Nachdem ich zwei Mal hintereinander in der telefonischen Endlosschlaufe hing, nahm ich mir vor, meiner Bank einen persönlichen Besuch abzustatten. So betrat ich das wunderschöne Gebäude an prominenter Lage in Bern. Schritt durch die warm belüfteten Eingangszonen und es empfing mich eine Frau Bank im adretten Deux Pieces an einem Guichet, so wie in den USA, wenn man in ein Restaurant geht. Soweit noch so gut. Dann fragte sie mich höflich und in einer eiskalten Wärme nach meinem Anliegen. Ich erklärte mein Anliegen, so wie beim Arzt – kurz und knapp – schliesslich tickt der Taxometer. Dann sagte die Dame, ich können am grossen Tisch rechts (Handbewegung wie eine Flight Attendant) Platz nehmen. Ich schritt also zum grossen Tisch.

Leute, ich kam mir vor, als würde ich aus dem Bankkoma erwachen. Es gibt keine Schalter mehr, mit einer eiskalten Marmorplatte und einer schusssicheren Fensterfront, an denen man sein Anliegen platzieren kann. Nein, nein, dafür müsst ihr jetzt zur Post gehen. Jetzt setzt man sich also mit weiteren Bankproblempersonen an einen riesigen Tisch und dann hüpft ein Mitarbeiter in blauem Anzug und weissem Hemd mit einem Laptop von Problem zu Problem. Und weil es ja quasi eine Banktavolata ist, bekommen alle Bankproblemmenschen die Probleme der anderen Bankproblemmenschen mit, wie in einer Gruppenthearpie. Ich traute meinen Ohren nicht, da war ein älterer Mann, der seine Rechnungen bezahlen wollte. Ich kenne jetzt nicht nur seinen Namen, nein, ich kenne jetzt auch seine Zahlung und jetzt haltet euch fest, ich kenne auch seinen Kontostand. Und ich weiss auch, was er bezahlt hat, nämlich seine Rehakur. Fehlte nur noch, dass der Banktyp seinen Code durch die heiligen Hallen brüllte. Ich kenne jetzt auch die Bankbewegungen eines weiteren Tischproblems; er hatte drei Bewegungen und à CHF 325.00. Ungläubig sass ich da und wahrscheinlich mit offenem Mund, vorsichtig linste ich den Raum nach einer versteckten Kamera ab, vergebens – das ist Realitybanking.


Ich wartete geschlagene 45 Minuten, ich wage nicht daran zu denken, wenn ich zur Toilette hätte gehen müssen. Denn so wäre das Spektakel von vorne losgegangen. Dann endlich, der blaue Anzug steuerte auf mich zu. Und der Herr Bank sagte zu mir: «Für dieses Problem gehen wir in einen geschützten Bereich». Mein Problem war also wichtig. Er begleitete mich in eine schalldichte Besprechungsinsel. Und dann ging es los mit Codes und doch nicht und haben sie das und das. Schliesslich sagte dieser Banktyp zu mir: «Wir senden Ihnen nun einen neuen Code und ich denke, sie sind fit genug, um das selber zu installieren, sie bewegen sich gut in der digitalen Welt. Sollten Sie nicht zurecht kommen Frau Müller, dann vereinbaren Sie doch bitte das nächste Mal einen Termin.» Einen Termin, Leute, um eine App einzurichten, damit ich wieder am Problemtisch sitzen kann, um dann in die isolierte Bankzelle zu sitzen und mich fit in der digitalen Bankenwelt zu bewegen.


Einen Teufel werde ich tun. Das nächste Mal setze ich mich ins Auto, fahre in meine Heimat, laufe in die Bankfiliale und dann wird mir unkompliziert geholfen und das Problem à la Oberland gelöst. Dafür nehme ich eine Stunde Autofahrt in Kauf.

Fragt mich übrigens noch der Herr Bank: «Frau Müller, wollen Sie Ihr Konto nicht nach Bern verlegen, sie haben ja hier Wohnsitz.»

Da könnt ihr lange warten, mit eurem Tisch und eurer Diskretion. Übrigens, auf der Homepage springt einem der Slogan ins Auge, der da heisst: «Suechet Dir öppis.Bestimmts..»


Ich bin sowas von bedient.

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