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Der Familienanlass

Die Organisation liegt mir, ich mag es, wenn ich die Fäden in der Hand halten kann. In einer Familie gibt es die stillen Abmachungen. Es gibt die Hierarchie oder aber die Zugehörigkeiten, die sich über Jahre ergeben haben. So gehört in der Familie Müller die Organisation von was auch immer in meinen Zuständigkeitsbereich. Thronfolge 3 ist der Geschäftsmann und der Banker und muss immer hinzugezogen werden, wenn es um die ganz grossen Entscheidungen geht. Thronfolge Nr. 2 ist ein bisschen überall und immer zur Stelle, wenn es brenzlig wird; wo auch immer, er ist da, auf ihn können wir zählen und er ist unglaublich zuverlässig. Thronfolge Nr. 1 ist die grosse Unberechenbarkeit in der Familie, aber auch diese Unberechenbarkeit hat ihren speziellen Platz. Er ist immer für eine Überraschung gut.


Wir feierten also den 89. Geburtstag meiner Mutter und das ging so: Drei Tage vor dem Geburtstag informierte ich meine Mutter mit: «Wir gehen am Abend deines Geburtstags auswärts essen», im Wissen, Mutter findet Mittagessen etwas bünzlig. So weit so gut, Mutter war informiert. Im zweiten Schritt nimmt man die Brüder mit ins Boot. Die ticken alle anders, so ist es nicht möglich, eine WhatsApp-Gruppe zu machen, weil mindestens einer wahrscheinlich weder die SMS liest noch beantwortet. Also ruft man diesen Bruder an und informiert, der sagt dann zu. Dann Abklärung bei Bruder zwei, das kann man wiederum per WhatsApp machen. Antwort ist fast immer der erhobene Daumen. Und bei Thronfolge 1 musste ich gar nicht erst einen Versuch machen, da er saisonbedingt nicht da ist. Am nächsten Morgen ruft Thronfolge 2 an und fragt, wo ich denn reservieren will, aber das weiss ich selber noch nicht. Thronfolge 3 schreibt (zu meiner Verwunderung) am anderen Tag «statt drei, fünf Personen». Und so auf der Zielgerade dann noch immer noch das berühmte +/- 1 Person, insgesamt 10 Personen. Der Tisch konnte also reserviert werden. Und dann, dann liebe Blogfreunde, ist der Tag da.


Pünktlich fährt die Karawane Müller ein. Mutter Müller vorab und als Familienoberhaupt nimmt sie den wichtigsten Platz am Tisch ein. Alle anderen mehr oder weniger drumherum und dann doch noch einen Platz rutschen und dann wieder doch nicht. Bestellung Apéro: Mutter liebt Weisswein, am liebsten Chasselas. Also bestelle ich eine Flasche Chasselas. Ein Bruder hat Rheuma und darf dann doch nicht so viel Weisswein nehmen, der andere hat Gicht und sollte auch nicht und meine Wenigkeit kann nicht schlafen. Mutter trinkt seelenruhig ihren Chasselas. Bestellung Essen: Aufgrund von Rheuma und Gicht und nicht gern und dann doch lieber etwas anderes gibt es schlussendlich für zehn Personen mit Ausnahme der Vorspeise alles, was die Herzen begehren, man war sich fast unisono einig, aber nur fast. Fisch heisst das Zauberwort. Zum Fisch würde meine Mutter niemals, aber wirklich NIEMALS Rotwein trinken, aufgrund der Gicht-Rheuma- und nicht-schlafenkönnen-Kinder wird noch Rotwein bestellt. Mutter schüttelt zu dieser Bestellung nur den Kopf. Die Dessertentscheidung naht, der eine sollte nicht, der andere will nicht und ich sollte auch nicht wegen der Bauchform, Mutter nimmt natürlich ein Dessert – dazu gibt es eine Kerze und es wird sogar gesungen – wenn auch ein bescheidener Gesang. Beim Kaffee geht die Diskussion wieder los, Thronfolge 2 steigt wieder ins Geschäft ein, Thronfolge 3 will nicht und ich trinke seit Jahren neuerdings statt eines Kaffee: EISENKRAUTTEE. Freunde, Eisenkraut. Mutter lächelt, schüttelt abermals den Kopf und bestellt sich mit Thronfolge 2 einen Kaffee. Und dann wird bezahlt und dieser Vorgang ist seit Jahren eine klare Sache. Da wird der Takt von Thronfolge 3 vorgegeben.


Sollte ich tatsächlich ein paar Gene meiner Mutter in mir haben, freue ich mich aufs Alter. Ich werde dann Weisswein trinken können und Kaffee inklusive Dessert und dann fein den Kopf schütteln, ein Lächeln auf den Lippen haben, wie kompliziert wir geworden sind.

Es war ein wunderbarer Abend und ich liebe diese Gemeinsamkeiten und Unterschiedlichkeiten in meiner Familie.



Wie gesagt, jedem sein Pläsierchen und das grösste für die Mutter.

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1 Comment


bg5
May 06

Wunderbar!

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