Bergkind – und zwar mit Stolz

Letzthin habe ich einen Blog von einem Vater gelesen, der über die Erziehungssprache geschrieben hat. Offensichtlich war seine Mutter aus dem Berner Oberland und er hat geschrieben, diesen Dialekt hätte er nur an der Kasse der Skiregion angewendet, damit er vor seinen Schulkollegen brillieren konnte und als Einheimischer durchging. Manchmal werde ich auch gefragt, ob ich aus dem Berner Oberland komme. Man kennt ja den Dialekt so von wegen Ogi und so. Ich antworte natürlich immer mit ja, ich sei Oberländerin – bin ich ja auch. Viele belassen es dabei und andere haken nach, von wo und auch hier antworte ich artig. Dann folgt meistens: «Ach so, Zweisimmen! Ja wir gehen oft nach Gstaad oder an die Lenk oder Adelboden...» Das sind dann die ganz Verwegenen. Und was antwortet man jetzt darauf? Manchmal folgt dann ein ganz witziger Spruch wie: «Ihr redet so lustig, halt so wie die Bergler – ein bisschen aus einer anderen Welt.» Lustig? Aus einer anderen Welt? Das ist meist der Moment, wo ich mich entnervt abwende, weil ich es einfach nicht mehr hören kann. Als ich mein Praktikum in St. Moritz absolvierte, hat ein Gast eine Arbeitskollegin gefragt, ob sie aus der Gegend sei; sie antwortete mit ja, sie sei im Engadin aufgewachsen und darauf der Gast: «Und Sie sind blond?» Und das ist dann so ein Moment, wo man glaube ich schon mal auch die Krallen verbal ausfahren dürfte. Wir haben es nicht getan, denn damals war der Gast noch König und damals führten sie sich auch so auf. Ich mag auch die Fragen nicht, ob wir denn als Kind schon fliessend kaltes und warmes Wasser gehabt hätten oder Elektrizität. Alles schon vorgekommen und erlebt. In dem Moment können bei mir die Sicherungen durchbrennen. Überhaupt, dieses Stadt-Land-Getue und nur weil man in der Stadt aufgewachsen ist das Gefühl zu haben, man hätte die Welt erfunden. Und heute spielt es ja keine Rolle mehr, schliesslich sind wir digital gleichauf, denn wo immer man sich in die Welt einloggt, man ist ja online… ja, sozusagen auf einer Linie! Egal auf welchem Berg man sitzt, man kann sich in alle Foren einbringen. Ein grosser Vorteil, ohne sich erklären zu müssen. Ich soll mich nicht betroffen fühlen, wenn so Sprüche kommen? Tu ich aber, denn manchmal würde ich gerne die Fensterscheibe runterlassen und so nebenbei fragen: «Auch schon mal auf Schnee gefahren im früheren Leben?» Oder im Tram, wenn die ganz ausgekochten Wochenendskirennfahrer aus der Stadt erzählen wie sie halt schon fast einheimisch sind und man sie kennt und sie dann durchschlüpfen dürfen. Dann wollen sie alle auch so sein wie die lustigen Bergler, so einer von ihnen halt. Seid ihr aber nicht und werdet es nie sein! Ich bin stolz eine Berner Oberländerin zu sein, ich bin auch stolz auf meine Wurzeln, obschon ich nicht zu 100% eine Simmentalerin bin, denn mein Vater war ein Engadiner und nicht minder stolz. Ich trage also wie viele Einwanderer zwei Herzen in der Brust, einen Bären oder vielleicht eher eine Simmentalerkuh und einen Steinbock. Aber ich kann es drehen wie ich will, ich bin ein Bergkind. Ich stehe mit beiden Füssen auf dem Boden, dazu stehe ich und noch zu vielem mehr. Und auch das viele mehr ist nicht so wie viele denken, denn die Bergler, die stehen auf dem Berg und wissen, der Horizont der Toleranz ist sehr sehr weit. So ist das.


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