Vorurteil Klischee


Leute wir müssen mal über Klischees reden. Also «Klischee» soll angeblich aus dem Französischen kommen, «cliché», und bedeutet Nachbildung oder auch Schablone. Nun, wer bitte schön in unserer ach so individuellen Welt will schon in eine Schablone gedrückt werden. Bitte wortwörtlich vorstellen. Niemand, nicht wahr? Dafür aber werfen wir ein bisschen um uns herum mit diesen Klischees. Ich inklusive.


Hörte ich doch letzthin einen Kollegen sagen: «Cappuccino trinken Schwule» – dann Stille. Unsere etwas heterosexuellen Männer, leicht pikiert: «Wir trinken auch Cappuccino und sind nicht schwul»… ahhh touché. Ich weiss bis heute nicht genau, wem was peinlicher war.

Buben tragen niemals einen pinken Velohelm. Sollten sich ihre kleinen Patschhändchen tatsächlich in die Richtung eines pinken Velohelms nähern, gibt es kurz vor dem Zugriff eine klare Richtungsänderung der Eltern oder aber die sind absolut klischeefrei und lassen es zu. Weil, es ist die Farbe, Pink ist weitaus attraktiver als Hellblau.

In einer Zeit, in der alles eigentlich klischeefrei sein sollte, weil wir uns, mehr denn je, der eisernen Schablone entziehen wollen. Aber es will einfach nicht gelingen.


Aus Gründen der Lesbarkeit konzentriere ich mich folgend auf den Inhalt, weniger aufs Gendern. Ihr versteht mich, egal ob männlich oder weiblich – es sind alle mitgemeint.


Also. Amerikaner sind oberflächlich, Russen saufen endlos, Italiener reden zu viel und weil das nicht genug ist, reden sie noch mit den Händen, Engländer sind Hooligans und haben im Süden Sonnenbrand, Schweizer sind still und leise und kommen nie aus sich heraus, dafür sind sie pünktlich, Deutsche sind laut und überfahren einen mit ihren Forderungen, Franzosen sind arrogant und haben das Gefühl, nur sie haben den besten Wein, Österreicher leben immer noch in den Kaiserzeiten und schieben sich zart Mozartkugeln zu und die Griechen können nicht mit Geld umgehen und sind dauerpleite. Der Norden ist eben nordisch zurückhaltend und macht einfach alles richtig und die Holländer reisen mit vollbepackten Wohnwagen durch die Schweiz und kaufen kein Bier bei uns.


Mädchen und Schwule tragen rosé, Buben hellblau, Architekten tragen schwarze Rollkragenpullis, Rockmusiker demolieren Hotelzimmer, Lesben haben Kurzhaarschnitte, Bauarbeiter bedienen sich einer Rüppelsprache, Fussballfans sind primitiv, Bünzlis fahren Opel und Banker sind gierig. Hoteldirektoren tragen Krawattennadeln und Piloten sind Fremdgänger. Versicherungsheinis sind langweilig und bonusgeil und Werber schnupfen was auch immer, Models sind magersüchtig und alle Fussballerinnen sind lesbisch.


Und dann gibt es die Aber-Relativierung. So wie beim Cappuccino. Das sind die Ausflüchte in äusserster Argumentationsnot. Dann nämlich, wenn man erkannt hat, man bediente sich eines Klischees, donnert es raus und man merkt: oupsi. Dann nämlich wird aus den primitiven Fussballfans ein «es gibt ja auch andere». Dann werden die saufenden Rockmusiker zu «ich kenne auch andere, die sind ganz zahm». Dann wird aus den bepackten Holländern «aber eigentlich sind sie ganz nett – zumindest in ihrem Land».


Ich weiss jetzt ehrlich gesagt nicht, was schlimmer ist. Dem Klischee zu frönen ober eben diese Aber-Taktik. Mein Coiffeur zum Beispiel (und er wird mir dieses Outing verzeihen), mein Coiffeur ist schwul und er entspricht jedem Klischee eines schwulen Coiffeurs und dafür liebe ich ihn. Er ist anstrengend, er ist unglaublich witzig, er ist laut und ich bin mir sicher, er könnte keinen Radwechsel machen. Aber – er ist wirklich ein Meister seines Fachs und schon sind wir wieder beim Aber. Als ob es einen Unterschied machen würde. Leute, äs isch wie’s isch, fertig.


It’s your turn.

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