Ganz normal

Als ich letzthin mit einer Kollegin telefonierte, erzählte sie mir von einer Begegnung, die sie hatte und am Ende der Geschichte sagte sie: «Das ist doch nicht normal.» Und ich bediene mich auch oft an diesem «das ist doch nicht normal».
Aber wenn es dann normal ist, dann ist man nahe am Bünzlitum oder einfach so Durchschnitt und wer will schon Bünzli sein oder Durchschnitt? Wir wollen ja speziell sein oder temperamentvoll oder offen oder was auch immer. Einfach so ein bisschen «obenaus».

 

Wer sich eine violette Strähne beim Coiffeur machen lässt, höre ich sagen «ich mag es peppig» und dann rolle ich innerlich mit den Augen. Eine nachgeschobene Entschuldigung für eine violette Strähne? Ist eine violette, rote oder was-auch-immer Strähne wirklich aufpeppend? Geht es nun um den persönlichen Stil oder geht es darum, ein bisschen den nach-50-Aufstand zu erproben? Früher trugen die Seniorinnen den Violettstich mit Würde – schön frisiert und wohlriechend nach Haarspray. Früher sagte man auch «Festiger» und nicht Haarspray, da war nichts von peppig oder so. Es gehörte zu einer Dame.
Ist ein Tattoo normal? Heute ja, denn heute gehört ein Tattoo dazu. Es wird mit einem Statement in Verbindung gebracht und mittlerweile sind es Kunstwerke und Stories. Zu meiner Jugendzeit gab es die Sünden – das Geweih zwischen Hintern und Rücken, ach ich meine das Arschgeweih, oder der Schmetterling am Fussgelenk. Noch ein bisschen mini und so, nicht auffallen und immer noch im Rahmen des Normalen bleiben. Mittlerweile liest man ganze Geschichten an den Armen, Rücken oder Beinen. Wäre ich nicht so ein Schisser, hätte ich es wahrscheinlich auch, aber eben.


Ferienziele können auch so normal sein oder bünzlig. Als ich vor zehn Jahren bei meiner Mutter Hawaii als mein nächstes Ferienziel angab, schaute sie mich an und meinte dann etwas lakonisch: «nicht schlecht …». Und als ich dann etwa zwei Jahre später als Ferienziel Kärnten angab, lachte sie sogar und kommentierte mein Ferienziel als: «Also das ist jetzt auch nicht gerade was Grossartiges.» Klar, der Wörthersee ist im Vergleich zu Hawaii nicht die grosse Welt und tatsächlich etwas bünzlig, aber ich bin ein Bünzli. Bin ich also normal, weil ich keine violette Strähne habe, weil ich kein Tattoo trage und ich im Tessin meine Ferien verbringe? Dann wäre ich ja eine perfekte Weltbürgerin, nämlich normal.


Ich mache mir oft zu viele Gedanken um das so genannte Auffallen. Und manchmal schiele ich vielleicht ein bisschen neidisch auf die, die noch auffallen und mal gehörig auf den Putz hauen. Zu viele Gedanken um «ich kann doch nicht, sonst ...» – ja was und sonst? Dann wäre es eben so. Ich bin ja nur eine kleine Traube im grossen Fass. So wichtig sind wir alle nicht, um mal einfach so aufzufallen, sich ein Tattoo stechen lassen und es einfach mal zu tun. Normal zu sein tut nicht weh, darum gibt es ja so viele, die normal sind und schlussendlich ist es nur eine Ermessensfrage, weil wir es ja für uns beurteilen.


Ich denke, die violette Strähne wäre ganz schön beleidigt, wenn ich ihr sagen würde: «Eigentlich bist du normal, es ist nur die Strähne, die peppig ist.»


Voilà. Isch doch so.