Siegerin oder faire Verliererin

Ich mag Spiele oder Situationen, in denen es nur Sieger gibt oder dann nur Verlierer. Als Kind konnte ich nie verlieren. Mein Bruder Alex (Thronfolge 3) zockte mich im Monopoly dermassen ab und mir blieb immer die Niederlage. Wenn wir en famille «Eile mit Weile» gespielt haben oder noch besser die deutsche Bezeichnung «Mensch ärgere dich nicht» und ich verlor, ja dann ... dann war es durchaus möglich, dass ich aus lauter Wut den Karton inklusive Töggeli quer durch die Wohnung geworfen habe. Meine Kopffarbe wechselte in ein feuriges Rot und ich war kaum mehr zu bremsen. Ja, ich gebe es zu, dieses Outing ist nun wirklich nicht so schmeichelhaft: Ich bin zwar älter geworden, aber der Umgang mit der Niederlage ist nach wie vor ein Thema.


Der Wettbewerb und das Spiel sind für mich die pure Herausforderung. Wenn ich statt des Auftrags die Absage bekomme, werde ich ehrlich gesagt noch heute einfach nur sauer. Letzten Samstag hat mich auf meiner Joggingrunde eine Frau überholt – die war grauer und hat mich überholt. Wenn mich eine 30- oder 40-jährige Frau überholt, kann ich damit leben. Aber eine die grauer und nach meiner Rechnung älter ist als ich? Nein, das geht nicht, und dann habe ich aber meinen Rücken mal durchgestreckt und trabte hinterher, das wollte ich dann doch nicht auf mir ruhen lassen. Zum Glück ist sie abgebogen, sonst wäre ich noch heute im Sauerstoffzelt. Das sind so persönliche, kleine Niederlagen. Aber dann gibt es noch eine Niederlage, in der ich als ganz schlechte Verliererin hervorgehe.


Das ist die Niederlage, die man hätte verhindern können. Man stelle sich vor, man hat an einem Projekt gearbeitet, hatte die Idee dazu und ganz viel Herzblut investiert. Da waren Momente, in denen man andere Menschen in das Projekt einweihte, die dann begeistert in die Hände klatschten und von denen man jedoch auch Wochen später nichts mehr hört. Aber der Moment war schön, der Moment als sie in die Hände geklatscht haben und man das Gefühl hatte: Jetzt gleich kommt es zum Durchbruch! Man konnte durch Enthusiasmus und Worte überzeugen. Und als wäre die indirekte Absage – das Sich-nicht-mehr-Melden – nicht genug. Ja, es gibt die Steigerung dazu. Dann nämlich, wenn ein paar Jahre später das gleiche Projekt hochgefahren wird mit Leuten, die man für das eigene Projekt gewinnen und begeistern wollte. Und in diesen Momenten der Wahrheit spüre ich das Kind in mir und den Wunsch, das Spiel quer durch die Wohnung zu schleudern. Der Moment, wenn die Enttäuschung Überhand gewinnt. Ich habe dann keine Lust auf eine sachliche Analyse warum und wieso, nein, da habe ich einfach nur den Wunsch, mal richtig auszuflippen und einfach mal all meinen Emotionen freien Lauf zu lassen. Und das sind dann die wirklichen Niederlagen, die einfach nicht mehr aufzuhalten sind. Da nützen im ersten Moment keine Zusprüche und gut gemeinte Ratschläge. Für mich persönlich reicht es nicht, eine Nacht darüber zu schlafen, da sitzt der Stachel ganz tief drin. So geschehen diese Tage.


Aber! Jetzt gilt es eben wirklich den Rücken durchzustrecken, Kräfte und Energien aufzubauen und sich einfach nicht unterkriegen zu lassen. Aus Niederlagen gehen die besten Sieger hervor. Die momentane Zeit erlaubt es uns darüber nachzudenken, als was wir denn aus dieser Niederlage hervorgehen wollen. Natürlich als Sieger oder aber als faire Verlierer. Die Hand zu reichen als Verlierer macht uns vermutlich stärker und selbstbewusster.
Beim Monopoly mit Alex habe ich gelernt, du musst einfach die Bank übernehmen, dann kann dir nichts passieren. Lernen, mit dem Spiel umzugehen und die Hintergründe zu kennen. Und so schnell lasse ich mich nicht mehr überholen, ob grauer oder verspielter, das ist ein Versprechen an mich selber.


Die Erkenntnis: Ich bin eine schlechte Verliererin, aber ich liebe das Spiel.