Das Bier und ich – ein Still-Leben

Mit diesem Bier verband mich bis anhin so manch schöne und unvergessliche Partynacht. Wir fanden es schon wahnsinnig cool, ein Corona zu trinken. Mit einem frechen Limettenschnitz, den man gekonnt drehte, in die Flasche drückte, diese wiederum umdrehte und es schaffte, dass das Bier nicht überschäumte. Ja, dies machte eine wahre Partyheldin in den 90er Jahren aus. Als ich vor mehr als zehn Jahren auf Cape Code war, tranken wir jeden Abend ein paar Coronas – und wieder eine gute Erinnerung mehr an dieses Bier. Und diese guten Erinnerungen will ich behalten und wieder einmal ein Corona trinken. Es ist ja nur der Name, oder?


Bis vor ein paar Wochen haben wir noch Witze gemacht und dafür musste das Bier auch hinhalten. Flach waren sie, die Witze und flach bleiben sie. Wir müssen nun vernünftig sein, schwierig für den Grossteil einer Gesellschaft, die bis anhin keine Grenzen der Vernunft kannte. Da banden wir den Senioren Schrittmacher um das Handgelenk und hielten sie an, mindestens 10‘000 Schritte pro Tag zu machen. Wir motivierten sie, durch die Wälder zu streifen und die Pace dank moderner Wanderstöcke zu erhöhen. Die Jungen schickten wir easyjet sei Dank nach Barcelona in den Ausgang und nach London Jeans shoppen und wir trieben sie an, in vollen Clubs sich dem Beat hinzugeben und das Leben zu geniessen. Den Franken laufen lassen, die Dollars, Euros, Pfunds unter die Leute zu bringen. Alles aufzunehmen und zu posten, Vlogs zu machen und sich fröhlich und unbeschwert zu zeigen. Den puren Genuss zelebrieren. Und dann – die ultimative Freiheitsberaubung – zwar Empfehlungen von der Regierung – dennoch? Wirklich wir?


Das stille Leben hat auch seine Gründe, die Welt hat uns mitten ins Gesicht geschlagen. Das Grinsen des prallen Lebens ist uns nun vergangen. Niemand weiss, wie lange wir praktisch stillstehen, vielleicht wissen wir auch nicht, wie wir mit diesem Stillstand umgehen sollen, müssen uns erst sammeln und sortieren.
Ich auch, ich musste mich sammeln und sortieren. Meine Tage waren immer so durchorganisiert und alles stand mir zur Verfügung. Dann die Hektik vor dem Stillstand – und auf einmal ist es still. Am Himmel ist es richtig easy, in den Strassen ist es still und unheimlich. Damit müssen wir nun umgehen und wir müssen hinsehen und umsehen. Es gibt auch im Stillstand viel zu beobachten, zu tun und vor allem sind wir unserer Freiheit noch lange nicht beraubt, aber der Lebensrausch wurde nun jäh unterbrochen.


Wir sind richtige Jammerlappen geworden, dabei stehen uns Dinge zur Verfügung, die ein stilles Leben nicht einsam machen. Wir sehen uns am Telefon, wir können noch Spaziergänge machen, wir können endlos in voller Freiheit telefonieren und uns E-Mails schreiben. Wir können uns immer noch aufregen über Menschen, die Toilettenpapier kaufen oder Hamsterkäufe tätigen. Wir haben keinen Krieg – aber wir haben eine Krise und die gilt es auszustehen.
Mit oder ohne Corona – ich sehne mich nach einer lauen Sommernacht mit einem Bier und einem stillen Augenblick im Leben.
Stay strong!