Frauenfussball

Wer mich kennt weiss es und wer mich gut kennt weiss auch: Wenn es ein für mich zählendes Mass angenommen hat, werde ich zur Tamara Funicello des Frauenfussballs. Und das tue ich auch im Wissen, denn dieser Blog wird nicht eine Geschichte aus meinem Alltag oder einer aus der Vergangenheit, nein, es wird ein Blog von mir und vielleicht auch etwas für mich, denn aufgepasst – ich lasse jetzt so richtig Dampf ab.


Wer es noch nicht bemerkt hat (was aufgrund der Berichterstattungen in der Schweiz durchaus möglich ist): Es läuft die Frauenfussball Weltmeisterschaft. Es wird Fussball gespielt und ich liebe Fussball, die Atmosphäre im Stadion, die Diskussionen, die Debatten undundund. Vor einem Match, den ich live im Stadion besuche, bin ich immer sehr aufgeregt und nervös – es prickelt. Im Vorfeld dieser Weltmeisterschaft wurde viel geschrieben und die Prognosen und Wetten liefen auf den Portalen heiss. Und dann ging es endlich los, aber in die falsche Richtung.


Wenn es um Frauenfussball geht, gibt es nur Schwarz oder Weiss. Und ich habe es wirklich satt, diese plattgedrückten Kommentare. Sagte ein Kollege mal zu mir: «Ich habe gestern Frauenfussball geschaut, da würden meine Junioren, die ich trainiere, gegen diese Frauen gewinnen.» Zitat Ende. Dazu ein doofes «ask me»-Gesicht. Zugegeben, in diesem Moment war ich schon geladen, ich zählte von zwanzig zurück und habe ihm gesagt: «Du hättest ja umschalten können, wenn es dich gelangweilt hat – warum schaust du dir das an, nur um zu sagen, wie toll du deine Junioren trainierst?» Ebenfalls Zitatende – und dann war es still am Tisch.


Vor ca. drei Wochen sah ich mir den Club an. Es ging um Fussball, nicht nur um Frauenfussball, aber auch. Wegen der Kohle und den Unsummen an Transfergeldern und überhaupt. Die Gästeschar war ja wirklich das Mass aller Dinge an Unmöglichkeit. Da sassen Meriame Terchoun, Fussballerin (Nationalmannschaft und FCZ), Beni Turnheer, Sportreporter in Pension und Fussballexperte (70), Erich Vogel, Fussballmanager, Experte und überhaupt (80), Claudius Schäfer, CEO Swiss Football League (?), Mario Fehr, SP Politiker (60) und ER, THE ONE König Josef Blatter (gefühlte 100 Jahre). Nichts gegen diese lustige Rentnerrunde – mit Ausnahme von Meriame Terchoun und Claudius Schäfer – aber diese Zusammensetzung war nun mehr als dürftig und dem Fussball und insbesondere dem Frauenfussball gegenüber eine Frechheit. Und wenn dieser Service Public schon solch eine Runde einlädt, nichts gegen Meriame Terchoun, aber allenfalls wäre hier eine andere Person (z.B. Tatjana Haenni) doch eine bessere Wahl gewesen. Blatter lebt in seiner FIFA Vergangenheit und offenbar gut, Mario Fehr faselte etwas von «alli im Kanton Züri tschuttet gern» und Turnheer hat den Vogel verbal abgeschossen, dieser flog dann einflüglig in die Verwirrung, so dass er noch den Namen der Moderatorin verwechselte. Es war ein sehr trauriges Schauspiel mit dem Resultat: nichts Neues und Erleuchtendes am Fussballhimmel. Wie auch, bei dieser Besetzung!


Aber nun zum Anpfiff dieser WM. Nach den Gruppenspielen, die im übrigen sehr gut waren und von einer Lebhaftigkeit zeugten, wie noch nie gesehen, rückt das Feld enger zusammen. Die Topnationen USA, Deutschland, Frankreich, England etc. finden Gegner auf Augenhöhe. Medien berichten unterschiedlich. Doch nicht das Spiel beherrscht die Berichterstattung, nein, es sind die Nebenschauplätze. Megan Rapinoe, einer der weltbesten Fussballerinnen, legt sich mit Trump an in einem Twitterkrieg. Es wird gemunkelt, die habe es auf die Spitze getrieben, die hat sich schliesslich die Haare lila gefärbt und ist lesbisch und das offen. Oder Pernille Harder (Dänemark), das ist dann doch das Toupet, die küsst ihre Partnerin (Schwedin) und die beiden tragen das Trikot Schwedens mit der Nr. 6. Gut, der Kuss ist nicht mal das Problem, die im Norden machen ja sowieso was und mit wem sie wollen. Nein, das Problem war, die Dänin Harder im Trikot Schwedens. Landesverrat auf höchster Ebene. Dies veranlasste die Zeitung (mit den sowieso wenigen, dem Thema gewidmeten Buchstaben) zu einem ausführlichen Bericht, wer mit wem und so, weil… im FF ist das ja logisch, da sind alle Fussballerinnen so. Wie so? Eben so…! Weil Frauen sollen doch keinen Fussball spielen, die sollen Synchronschwimmen, Eiskunstlaufen oder rhythmische Gymnastik präsentieren. Aber nicht Fussball, nein, das ist dann schon was für die Männer. Und überhaupt, ich rufe die Junioren in Erinnerung.


Aber weit gefehlt, es sind nämlich nicht alle so negativ und haben eine derart lächerliche Einstellung zum Frauenfussball. Ich habe einen Freund, der ist eingefleischter Bayernfan, wir treffen uns ab und zu zum Bier. Und dann reden wir über Fussball, so richtig wie die Fussballversteher es eben tun. Da geht es um Bayern und ManU und dann wieder um die WM und alles hoch und runter und links und rechts und wir können stundenlang debattieren. Er ist einer, dem geht es um den Fussball und nur um den Fussball – das schätze ich an dir, mein lieber Joël.


In einem der Kommentare einer Onlinezeitung habe ich zum Thema FF gelesen: «Zum Glück ist diese WM vorbei, ich kann es nicht mehr sehen und hören.» Eine Antwort eines Kollegen: «Ja, das geht mir beim Tennis auch jedes Jahr so.»
Man darf zu allem eine Meinung haben und sich frei äussern. Eine Antwort ebenfalls und das war meine zum Thema Frauenfussball. Und ich werde weiterhin zu diesen Matches gehen und mich freuen. Das nächste Mal trifft man mich am Sonntag, live vor Ort in Lyon.
À bientôt.