Phantasien meiner Kindheit

Als ich ein kleines Mädchen war, nahm mich meine Mutter oft mit zur Bank oder zur Post. Das höchste der Gefühle war es dann, wenn meine Mutter mich auf den eiskalten Marmor setzte und ich das Bankgeschäft aus nächster Nähe betrachten konnte. Und dann der Moment, wenn meine Mutter den Kugelschreiber zur Hand nahm – einen schwarzen Kugelschreiber an einer silbernen Kette – und ihre Unterschrift auf das Papier setzte. Gefolgt von der Faszination der Barauszahlung (denn damals gab es noch keinen Bancomaten), wenn der Bankangestellte die Banknoten in einer unglaublichen Geschwindigkeit laut zählte und rüberschob. Mutter Müller packte dann die Geldscheine in einen Umschlag, schob diesen in die Tasche und erledigt war das monatliche Bankgeschäft.
In der Phantasie der Mini-Tina war die Kette des Kugelschreibers nämlich echt Silber. Schliesslich gab es diese Art Kugelschreiber nur auf der Bank. Und in der Bank roch es nach Geld, dieser bestimmte Duft in der Bank AEK (Amtsersparniskasse Obersimmental) – unvergesslich. Eine weitere Mini-Tina-Phantasie: Das Geld der einzelnen Bankkunden lag in je einem Bankfach. Also meine Eltern hatten so ein Bankfach mit einem goldenen Schlüssel und dort drin lagen die Ersparnisse. Und diese Fächer waren prallvoll, ja daran glaubte ich fest. Schliesslich konnte man einfach so Geld abholen und durfte dafür mit dem schwarzen Kugelschreiber an der Silberkette unterschreiben.


Aber ich liebte nicht nur die Bank- oder Postbesuche mit meiner Mutter, nein, ich liebte es im Gegensatz zu heute, auf Einkauf zu gehen. Damals ging man von Laden zu Laden und von den orangen Riesen hatte ich keine Ahnung. Aber ich liebte es vor allem wegen der kleinen Köstlichkeiten, die es beim Einkauf gab. In einer bestimmten Bäckerei gab es ein Sugus und in der Metzgerei eine Scheibe Lyonerwurst. Meist in dieser Reihenfolge, aber das machte mir gar nichts aus, meiner Mutter vielleicht schon. In der Metzgerei bewunderte ich die vielen köstlichen Würste, die sich vom Himmel reihten, in meiner kulinarischen Phantasie kamen sie tatsächlich vom Himmel und ich glaube das bis heute, denn so eine Wurst finde ich nach wie vor himmlisch.


Als meine Cousine und ich etwas älter waren, aber immer noch klein, hatten wir die Idee, das Sugus ohne Einkauf abzuholen. Dieser Plan ging gerademal einmal auf. Beim zweiten Mal mussten wir eine Abfuhr verdauen. Ich konnte es einfach nicht verstehen, warum uns das Sugus einfach so verwehrt wurde. Die Enttäuschung war riesig.
In der Käserei war ich dann etwas überfordert. Nicht dass ich Käse nicht mochte, ich mag Käse heute noch sehr gerne, aber ich fragte mich immer wieder, wie die Frau mit weisser Schürze hinter der Theke wusste, wieviel Käse sie abschneiden musste. Dieses Gefühl für die Gramme und Kilos verstand ich einfach nicht. Zudem gab es in der Käserei kein Extra, also fand ich es nicht so spannend.


Und es gab noch die Papeterie und auch das ist für mich noch heute ein absolutes Muss. Ich liebte diese Wand voller Stifte in allen Farben und Grössen. Da brauchte ich weder Lyoner noch Sugus – nein – das war die pure Verführung. Und diese Verführung ist noch heute gross, ich schreibe nur und ausschliesslich mit Kugelschreibern oder Rollern, die ich sorgfältig ausgesucht habe. Meine Handschrift ist nicht leserlicher mit diesen Stiften, aber sie gehören mir und nur mir und wer mit mir zusammen arbeitet weiss, von meinem Tisch einen Kugelschreiber einfach so zu nehmen steht unter Strafe. Es sind meine Schätze und ich hüte sie wie meinen Augapfel. Klauen? Keine Chance, mein Inventar ist übersichtlich und niemand würde es wagen, sich einfach so zu bedienen, geschweige denn, mir einen meiner Stifte zu klauen. Sie sind schön nach Farbe, Art und Grösse sortiert – ganz phantasievoll eben.


Und ihr so?