Autoliebe auf den ersten Sitz

Es gibt Menschen, denen ist ihr Auto wichtig und demnach hegen und pflegen sie ihr Auto. Es gibt auch Menschen, die geben ihrem Auto einen Namen. Dann gibt es Menschen, die wohnen im Auto und entsprechend sieht es auch aus. Es soll auch Menschen geben, die essen und trinken im Auto und der Kehricht befindet sich auf dem Rücksitz.


Letzthin ging ich zwei Männern hinterher, also nicht bewusst, sie gingen einfach vor mir. Einer in einem wirklich tollen Anzug, der andere war eher leger gekleidet. Sie waren auf dem Weg zu ihren Autos, um die Parkscheibe umzustellen. Ich habe mir dann überlegt, welcher Mann zu welchem Auto gehört. Und siehe da, Überraschung. Der Mann im Anzug lief zu einem roten Mazda, der wohl die letzte Wäsche vor zehn Jahren hatte, geputzt wurde er damals wohl mit Vif und Stahlwolle. Ich muss dazu sagen, dieser Mann mass bestimmt 185 cm und das Bild war schlicht und einfach göttlich. Langweilig dagegen der sportlich leger gekleidete Mann, seine Parkscheibe lag in einem SUV Mercedes. Verkehrte Welt? Nein, denn wer weiss, was der Anzugmann alles mit seinem Mazda schon erlebt hatte und er hängt an ihm und erst der Mazdatod wird die beiden trennen.

 

Mein Grossvater, ein Holzhändler, hatte in der Garage einen klassischen Landrover stehen, so ein hellgrüner mit grauem Verdeck. Heute fahren ja die Stadtmuttis solche Autos, um ihre Sprösslinge in die Schule zu fahren. Grossvater Hirschi dagegen fuhr den Landrover, um Holz zu transportieren oder an unseren gemeinsamen Samstagen, wie sie mir in bester Erinnerung sind. Als Kind durfte ich da in den Sommermonaten mit meinem Grossvater seinen Bruder besuchen, der als Bauer im Sommer auf dem Berg lebte und dort Käse produzierte. Nach dem Mittagessen fuhr man zu Onkel Arnold auf die Alp Bunschleren, ich vorne bei Grossvater Hirschi, ohne Kindersitz notabene. Es war Faszination pur, diese Hebel in gelb und rot und das grosse Steuerrad und mein Grossvater mit Tabakpfeife, das Fenster ohne Kurbel, dafür konnte man es schieben. Und ich kann mich noch so gut an den Geruch des Landrovers erinnern... Holz, Tabak und ein bisschen altes Auto. Die letzten Meter fuhr er mit mir offroad und ich quietschte vor Freude, wie es mich auf dem weichen Sitz rauf und runter spickte. Ein kurzer Moment, nur wir zwei und was für ein Vergnügen.


Ich gehöre zu den ganz spiessigen Autofahrerinnen. Das Auto ist stets sauber und ich mag es gar nicht, wenn man im Auto isst oder was auch immer macht. Als ich in den USA war, fuhr ich einen VW Käfer Jahrgang 71 in Silber. Der Hit! In diesem Auto wurde gegessen und getrunken, das Autoradio war ein uraltes Teil an dem die Knöpfe fehlten, man konnte also nur noch an den ganz feinen Stiften drehen. Aber, das Kassettengerät funktionierte noch und es lag eine Kassette von Janis Joplin drin und die brachte man auch nicht mehr richtig raus. So verbrachte ich meine Zeit in Colorado, der Käfer, Janis Joplin und ich – und ich fühlte mich grossartig. Die Karre hat mich dazumal 50 Dollar gekostet und als ich den Wagen in der Garage abholte, stellten sich die Mechaniker in eine Reihe und der Chef sagte mir bei der Schlüsselübergabe, der Käfer sei aber handgeschaltet. Ich nickte, nahm den silbernen Schlüssel, setzte mich rein und es war Liebe auf den ersten Sitz. Als ich losfuhr knallte es hinten raus, rasch merkte ich, dass die Bremsen nicht richtig funktionierten und ich mit der Handbremse nachhelfen musste, wollte ich nicht über die Kreuzung rollen. Aber alle wollten mit dieser üblen Kiste mitfahren und wenn ich zu einem Barbecue kam, kreischten die Amerikaner vor Freude, damals fand man die Exportmexikaner noch lustig. Meine Eltern wussten natürlich nichts von den gekonnten Bremsmanövern, denn im Grunde genommen war der Käfer wirklich lebensgefährlich, aber er hat uns nie im Stich gelassen. Und wenn ich an diese Zeit zurückdenke, dann muss ich sagen, ich bin ein richtiger Autobünzli geworden. Nun, die Bremsen sollten schon funktionieren, aber mal wieder so eine Fahrt im Käfer, Janis Joplin im Ohr, begleitet von den Knallern, wäre schon eine Quartierfahrt wert.


Lasst es mal zwischendurch knallen – auch im Auto.