Der wahre Genuss

Der wahre Genuss...……….


Kennt ihr diesen Moment: Auf Facebook wird ein Ferienfoto gepostet, Sonnenuntergang und ein Glas Wein oder was auch immer. Und dann steht da oft im Kommentar «geniesst es» ...oder ich lese oder höre oft: «Konntest du es geniessen?» Wie? Ich?


Ganz ehrlich Leute, ich gehöre zu den Leuten, die nicht wirklich geniessen können, so bewusst zumindest nicht. Ich finde das ja ganz toll, wenn man das kann; ich kann es nicht, ich bin getrieben von diesem Weiter-und-vorwärts-Gen. Ich staune immer wieder, wenn Leute ein Glas Wein in die Höhe heben und hunderttausend Farbtöne sehen und dann schliessen sie die Augen, führen das Glas an die Nase und es schiessen die Augenbrauen in die Höhe vor lauter Geschmacksexplosion. Dann der Schluck, das Ausatmen, ein zufriedener Augenaufschlag und kein Wort – und ich drehe gegenüber fast durch vor lauter Ungeduld, weil ich nun auch diesen Wein probieren will. Was heisst probieren, ich will einfach ein Glas Wein trinken und nicht einen auf Weinpapst machen. Stattdessen endlich ein leises oder vielleicht doch lautes «ein wahrer Genuss». In solchen Momenten habe ich mir nun seit Jahren angewöhnt, langsam von 20 rückwärts zu zählen.


Ich kann es mir einfach nicht vorstellen, wie das genau geht mit diesem so viel gepriesenen Geniessen. «Wir haben die Zeit genossen» – ja und wie? Mir ist schon klar, es ist mein Problem und wahrscheinlich bin ich wirklich nicht in der Lage, das Leben zu geniessen – ist auch so ein Ding. Gebt mir genügend Kohle und ich fühle mich in Sicherheit und kann es geniessen, bis in die Puppen zu pennen und dann mal um 10 Uhr zu sehen, wie es der Welt so geht. Ich kann es dann so richtig geniessen, wenn die halbe Welt in die Luft geschossen wird, wie Völker vertrieben werden, wie Kinder hungern und mir liebgewordene Menschen krank werden. Dieses Genussding ist eine heikle Sache, ich sag‘s euch. Wird Genuss nicht vielmehr mit dem Moment verwechselt? Der Moment, in dem man etwas fühlt – positive Gefühle wären dann der Genuss?


Item. Ich warte also auf meinen Genussmoment, wie auch immer der ausgehen wird. Letzthin habe ich im Tram ein Gespräch eines Paares belauscht, die haben sich über ihre Ferien unterhalten. Auch so ein Bluffdings, soll mir noch einer sagen, Familienferien seien von A bis Z ein Genuss. Die sind also mit allen Familienmitgliedern in die Ferien gefahren; in der Toscana haben sie für eine Woche ein Haus gemietet. Grosseltern bzw. Eltern, Kinder und Kindeskinder, Bruder und Schwester, Schwager und Schwägerin und wahrscheinlich noch alle Hunde. Sagte die Frau, sie hätten es so sehr genossen. WAS? Also da musste ich mich wirklich mal umdrehen und wer lächelte da glückselig? Eine Frau in meinem Alter.


Das ist doch eine glatte Lüge. Ich mag meine Brüder, meine Schwägerinnen, meine Neffen und meine Nichten und meinetwegen auch den Hund meines Bruders. Aber zusammen in die Ferien fahren und eine Woche lang in einem Haus in der Toscana und dann noch allen Ernstes behaupten, ich hätte es dermassen genossen und wir hätten es so gutgehabt und das noch im Tram?! Nein, so nicht, das ist Chabis. Und das liegt auch nicht an meinen Brüdern oder ihren Frauen oder ihren Kindern, das liegt einzig und alleine an mir. Ich geb‘s zu, ich würde mich aufregen und das schon bei der Buchung des Hauses, denn dies würde sicher an mich delegiert. Nein, nein, diesen Schuh ziehe ich mir nie an. Ich würde sicher zur Kettenraucherin und wahrscheinlich hätte ich jeden Abend einen im Tee. Und ich würde tagelang von 20 rückwärts zählen und nur weil ich offenbar den Dreh nicht raushabe, wie es ist, mit dem wahren Genuss.