Einkaufen bei Flut

 

Vor Ostern oder Weihnachten herrscht ja der ultimative Einkaufskrieg. Wenn zwei Tage die Lebensmittelgeschäfte geschlossen blieben, könnte man meinen, wir würden verhungern – es herrscht der Ausnahmezustand. Wenn ich unter diesen erschwerten Umständen einkaufen muss, werde ich schon in der Einstellhalle leicht nervös. Mutig stürze ich mich dann in die Fluten und versuche mitzuschwimmen. An solchen Tagen vergesse ich meistens die Hälfte, ich meine da kann man sich auch nicht konzentrieren, alleine das Wägelifahren erfordert eine Höchstleistung an Konzentration.

 

Was ich auch nie verstehe: Wenn man sich vor der Kasse einstellt, gibt es meines Erachtens auch einen Höflichkeitsabstand zu wahren, oder? Das Laufband wird nicht schneller, wenn man mir das Wägelchen an die Ferse schiebt. Das ist dasselbe, wie wenn man aus dem Flugzeug steigt, zum Kofferlaufband sprintet und sich ganz vorne hinstellt. Der Koffer kommt nicht schneller, nur weil man in der ersten Reihe steht. Ah, da könnte ich die Wände hochgehen.

 

Was ich aber letzthin erlebte, machte sogar mich einfach nur noch sprachlos. Ich habe mich tapfer durch den Freitagseinkauf gekämpft, meine Einkäufe eingepackt und diese im Wägelchen vor mich hingeschoben zum Aufzug, der in die Tiefgarage führt. Dort gibt es drei Aufzüge. Eine adrette Mittsechzigerin, Modell Wohlstandsblond mit Labelklamotten, stand in der Türe und schaute mich etwas abfällig an. Vati hatte das Wägelchen von Wohlstandsblond schon in den Lift geschoben. Ich fuhr hinter Mutti Wohlstandsblond rein und sagte wohlerzogen «merci». Mutti drehte sich um und brüllte in den Lift: «BITTE… ist doch wahr.» Vati schüttelte den Kopf, ich sagte auch nichts, weil ich einfach keine Lust hatte. Beim Aussteigen meinte Mutti Wohlstandsblond zu Vati: «Ich finde es einfach unmöglich, da hält man die Türe offen und die bedankt sich nicht einmal. Aber das ist typisch Ausländer.» Tätdäm…!

 

Vati, ganz galant, meint zu Mutti: «Sie hat MERCI gesagt, hör jetzt auf.»

 

Ich immer noch hinter ihnen.

 

Mutti: «Nein, hat sie nicht, aber so sind sie diese Ausländer.»

 

Mutti Wohlstand wetterte selbst noch, als sie in ihren Wohlstandskombi gestiegen sind. Und auf einmal packte mich eine unsägliche Wut. Ja, ich geb‘s zu, ich war kurz davor, ihre Türe aufzureissen und ihr mal so richtig die Meinung zu geigen. Was bitteschön kann ich dafür, wenn die nicht mehr gut hört. Es ist mir sowas von egal, ob sie mich als Ausländerin betitelt hat, tut auch nichts zur Sache. Dann halt bin ich eine Ausländerin, aber die «Ausländerin» hat sich wirklich bedankt.

 

Diese Art von Sein kann ich nicht abhaben, dieses von oben herab, dieser affige Blick von oben herab und dieses selbstgefällige Getue. Und ich hoffe einfach für Mutti, dass sie niemals in die Situation kommen sollte, wo sie auf die Hilfe einer Ausländerin angewiesen ist und sie sich dann auch noch bei ihr bedanken muss.

 

Und sollte ich Mutti Wohlstand noch einmal begegnen, dann aber Grüessech mitenand. Dann könnte es sein, dass ich meine Erziehung vergesse und ich Mutti Wohlstand leicht mit meinem Wägelchen touchiere. Es wird nicht weh tun, es wird ein freudiges Wiedersehen sein, mit einem kleinen Andenken von mir, der unfreundlichen Ausländerin mit Schweizer Ambitionen.

 

Na dann, Wohlstandsblond, ich bin bereit. Pfingsten naht. See you.