Über die Grippe

Und genau in dem Moment, als ich dachte: «ich nicht», schlug sie zu. Sie meldete sich an mit einem Reizhusten; der ist, wie es sein Name in sich trägt, wirklich reizend. Und dann folgte das volle und uneingeschränkte Programm mit Gliederschmerzen, Fieberschüben usw. Der Husten ist meines Erachtens der J.R. Ewing der Grippe. Er ist fies, er schleicht sich an und man spürt es und auch wenn man alle Kraft aufbringen will, die man in diesem Moment gar nicht hat, er ist da und lacht dir in den Bauch und zwar so sehr, dass dir der Bauch vor lauter Muskelkater schon weh tut. Ich wollte ihm den Kampf ansagen und so schleppte ich mich in die Apotheke. Dort stand ich vor einer jungen Frau mit wunderschönen grün-grauen Augen, die mir dann ihre Hausmischung von Hustensaft empfahl. Er, der Hustensaft, sei genau gegen den Husten, den ich ihr beschrieb. Als sie den Preis eintippte, erwähnte sie nebenbei, dass er, der Hustensaft dann einen etwas speziellen Abgang hätte, weil Meerrettich drin sei. Ich nickte ab, bezahlte und fuhr irgendwie nach Hause. Dort nahm ich diese ominöse Flasche in die Hand. Sein Name: PHYTOSOL, seine Zusammensetzung: Brunnenkresse, Löffelkraut, Chinarinde, Lungenkraut, Enzianwurzel, frischer Meerrettich, natürliche Aromastoffe und  Sorbitol = PHYTOSOL. Für mich tönte es mehr nach Phyton als nach SOL. Wie in der Gebrauchsanweisung festgehalten, gönnte ich mir einen Esslöffel. Und all diejenigen, die meinen, der Lebertran sei wohl das «Gruusigste ever» gewesen, hatten noch nie einen Esslöffel von diesem Hustensirup intus. Fürchterlich ist nur der Vorname, er ist fürchterlich gruusig. Die pure Einnahme, ohne mit Orangensaft nachzuschütten, passierte mir nur einmal, aber dieses eine Mal hatte es in sich. Aber er, der Hustensaft, ist wirklich was er verspricht, er hat geholfen, doch ich musste mich drei Mal täglich sowas von überwinden.

Ein weiterer Fiesling ist der Halsschmerz. Er erinnert einen daran, wie oft man eigentlich schluckt. Ja, der Halsschmerz führt es einem so klar und deutlich vor Augen, dass wer es vergessen sollte, wieder rückwärts zu zählen beginnt. Tic tac, tic tac, reizender Reizhusten gefolgt von Halsschmerz, ein wahrlich tolles Duo. Fieber ist wenigstens so nett, dass es einem ein bisschen in einen Dämmerzustand versetzt, wären da nicht diese elenden Gliederschmerzen, die Schweissausbrüche oder Schüttelfröste. Item, aber diese Dämmerzustände sind zurückblickend doch ganz angenehm, die Träume die einem begleiten, sind sowas von kurios und unglaublich – nicht von dieser Welt. Zu guter Letzt schaut dann noch Väterchen Schnupfen vorbei, damit man noch drei Tage lang nicht mehr weiss, was man isst und trinkt.


Es gibt ja verschiedene Grippetypen – so wie Fliegertypen, Reisetypen etc. Hier denke ich, liegt der grösste Unterschied zwischen Mann und Frau. Männergrippe ist für uns Frauen nicht auszuhalten, sorry liebe Männer, aber das ist echt zu viel – ihr seid einfach Jammerlappen und so richtige Sissis. Wir Frauen hingegen, wir wissen wie man mit Schmerz umgeht und wie es ist, wenn es einem nicht so gut geht, denn wir sind monatlich erprobt. Und zudem, wer ein Kind zur Welt bringt, der lacht sich echt kaputt über eine Grippe. Was wiederum nicht gut ist für die Frauen, denn so hat ja jeder das Gefühl, so schlimm könne es nicht sein mit dieser Grippe. Also wäre die logische Konsequenz, auch zu jammern und einfach mal im Bett zu bleiben, statt noch den ganzen Haushalt zu schmeissen.


À propos Haushalt – da gibt es ja etliche Hausmittelchen im Grippefall und der Ratschlagtyp weiss bestimmt, woran es fehlt. Whiskymilch, Rum, Ginger, Zitronen, Essigsocken, aufgeschnittene Zwiebeln, Neocitran und und und. Auch hier gilt, dein Körper sagt dir, was er braucht und was er will. So auch meiner. Im Grippezustand entwickle ich kuriose Gelüste. So auch dieses Jahr. Sinalco. Normalerweise trinke ich diese Gesöffe (so sagt meine Mutter diesen Süssgetränken, sie sagt sicher nicht Softdrinks) nicht. Einmal im Sommer jedoch, gönne ich mir ein eiskaltes Pepita vom Kiosk und das stütze ich noch vor dem Kiosk an und leere es in einem Zug und ich finde es göttlich, wunderbar. Aber das ist die löbliche Ausnahme. Ich habe diese Getränke schon als Kind nie sonderlich gemocht, aber im Grippezustand trinke ich ja sogar Meerrettichhustensaft. Im Fieberwahn sah ich das Sinalco vor mir, eisgekühlt und trinkbereit, nur für mich. Also gab ich es in Auftrag und am Abend war es da, wunderbar und ich dachte, wenn ich gesund bin, dann trinke ich das Sinalco in einem Zug leer, so wie man ein sommerliches Pepita trinkt. Dafür stelle ich mich auf den Balkon, nur um der Welt zu zeigen: «Hallo, ich bin wieder da.»

Dieser Grippezustand ist wirklich widerlich und ich fühle mich dermassen schlapp und schon gar nicht mich selber. Und wenn ich mich nicht mich selber finde, dann, ja dann ist es Zeit für ein eiskaltes Sinalco.

 

So geht das mein lieber Meerrettich, dich esse in ich Zukunft nur noch als Schaum und mit einer Kaper obendrauf. Ha!