Rotes Tuch - Zahnarztbesuch

Die Menschen, die allen Ernstes behaupten, dass es ihnen nichts ausmacht zum Zahnarzt zu gehen, die betrügen sich selber mit der Wahrheit. Na gut, Zahnarzt lasse ich vielleicht noch durchgehen, aber Dentalhygiene ist ja nun wirklich eine Lüge. Weil wer artig zur Dentalhygienikerin geht, hats beim Zahnarzt nicht so schwer. Also zumindest bei mir ist das so. Mittlerweile habe ich auch das Gefühl, dass die gesamte tägliche Zahnhygiene mehr Zeit in Anspruch nimmt als Duschen, Eincremen etc. Aber der Reihe nach.


Ich habe wirklich Angst vor dem Zahnarzt: Ich werde zum personifizierten Sissi und ich jammere und finde in der Stunde der Wahrheit, dass ich die Ärmste sei und nur mir widerfahre diese Angst und überhaupt und so. Seit vier Jahren habe ich nun eine neue Zahnärztin und wir haben meine Ängste besprochen. Dies nachdem mich mein vorheriger Zahnarzt beinahe um den Verstand und mein Erspartes gebohrt hat. Da liegt man völlig ausgeliefert auf diesem Stuhl, beinahe auf dem Kopf und mit weiss der Himmel was allem im Mund. Der Angstschweiss macht sich bemerkbar an Händen und Schläfen (ich schwitze ansonsten nie) und dann sagt dieser geldgierige Geier, der mir gerade eine Wurzelbehandlung verpasst hat: «Frau Müller, sie brauchen bei diesem neuen Zahn (notabene an zweitletzter Stelle von hinten) eine Triple-A-Farbe, ist halt ein bisschen teurer, aber ansonsten passt er nicht zu den anderen Zähnen.» Wäre ich schlauch- und mundstaubsaugerlos gewesen, hätte ich ihn gefragt: «Herr X, wer bitte sieht bei mir den zweitletzten Zahn von hinten?» Aber machtlos lag ich da und ich konnte nur noch nicken, weil ich wollte doch nur, dass dieser Irrsinn ein Ende hat. Das war mein letzter Besuch bei Herrn X, über die Rechnung reden wir nicht. Ich habe diese Triple-A-Sache bezahlt und na dann.


Von diesem Tag an beschloss ich, lediglich noch zur Dentalhygienikerin (ist übrigens sehr schwierig zu schreiben auf der Tastatur) zu gehen – ja, in der Praxis von Herrn X. Sie hat mich einmal ganz in Sorge gefragt, was sie denn nun ihrem Chef sagen soll, weshalb ich nicht mehr zu ihm kommen würde. Ich habe sie dann beruhigt und ihr gesagt, ich würde es ihm sonst schon sagen. HALLO! Ich habe die Dentalhygienikerin beruhigt, weil wahrscheinlich selbst die Angst hat vor diesem Teufel. Item. Seither haben wir ein sehr entspanntes Verhältnis und sie ist immer sehr fein zu meinen Zähnen, ich darf sogar das Mundstaubsaugerröhrchen selber halten. Das gibt mir ein kleines Gefühl von Kontrolle und tut meinem Ego gut.


Dann lernte ich SIE kennen. Auf einem Fest sass sie mir gegenüber und wie es so ist, kam die unvermeidliche Frage: «Und was machst du so?» Als sie mir sagte, sie sei Zahnärztin, hatte ich schon die wildesten Bilder vor mir. Sie mit dem Bohrer und den fiesen kleinen Haken von Instrumenten, die diese Welt nicht wirklich braucht. Oder dieser grässliche Kältespray – unmöglich. Aber SIE hat mich überzeugt und ich nahm allen Mut zusammen und wir vereinbarten einen Termin. Und jetzt kommt's: Ich reise also ins Wallis zum Zahnarzt. Warum? Weil ich nun eine Triple-A-Behandlung bekomme. Klar, ich habe immer noch Schiss, aber wenn SIE mich mit ihren blauen Augen anschaut und mir fein über die Wangen streicht (ist wirklich so), dann geht bei mir die Zahnarztsonne auf. Zwischendurch macht sie eine Pause und spricht mit mir über Ferien und so. Und ich gebe zu, vielleicht sind ihre Augen auch nur so blau und das Streicheln nur so fein, weil ich vorher eine Ladung Lachgas verabreicht bekommen habe. Aber Hand aufs Herz, Kopfschmerzen ohne Tabletten sind auch nicht auszuhalten.


Und zu aller guter Letzt belohne ich mich mit einem herrlichen Fondue im Wallis. Ich reise immer im November oder Dezember zu IHR und zwar mit dem Zug, denn ein Glas Wein darf dann nicht fehlen. Die Kombi Wein mit auslaufendem Lachgas ist übrigens sehr spannend. Und wenn ich dann zufrieden im Zug sitze, gerate ich in Versuchung zu sagen: «So schlimm war es gar nicht».


Und alles nur wegen IHR.