Schlussmachen

Freundschaften zu pflegen ist meiner Ansicht nach immer mit Erwartungen verbunden. Und die Erwartung ist eine ganz fiese Freundin. Sie steht manchmal dermassen hoch, dass sie unerreichbar ist. Und was unerreichbar ist, bleibt meistens unerreichbar, da zu hoch. Man lässt es also sein. Tief im Innern trifft es einem, die Freundschaftsseele ist verletzt und tut weh, aber man bleibt tapfer. Kleine Nadelstiche werden vielleicht unbeabsichtigt gesetzt und sie werden aufgenommen wie beim ersten Besuch in der Akupunktur. Sie gehören nun einmal zum Dasein einer Freundschaft.


Beziehung und Freundschaft sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Wenn die Schuhe nicht passen und nur ein bisschen drücken, dann können sie noch so schön sein, sie drücken und man sollte etwas dagegen tun. Nur wie? In einer Beziehung können die Schuhe ausgetauscht werden, die Blase bleibt noch ein paar Wochen, aber sie heilt. In der Freundschaft wird von diesen Schuhen viel mehr erwartet, da wechselt man nicht einfach so die Schuhe, denn schliesslich lebt man doch mit den Blasen, pflegt diese und versucht die Druckstelle rauszubringen.


Wo ist die Grenze zwischen Freunden und Kollegen? Wo gebe ich was preis und schenke Vertrauen, denn ohne Vertrauen geht doch nichts. Oberflächlichkeit hat meiner Meinung nach in einer Freundschaft so wenig zu suchen wie in einer Beziehung. Brauche ich Freunde? Oder brauche ich einfach die Oberflächlichkeit. Den Schein, die Bewunderung und ein bisschen Anerkennung. Dann bleibe ich bei den lieben Kollegen, dort sind diese Dinge gut aufgehoben und werden auch entsprechend weitergegeben. Nämlich nur die eigene Oberflächlichkeit – der Lack.


Nicht so in einer Freundschaft, die braucht viel Raum und Zeit. Sie ist sensibel und muss gepflegt werden. Es ist ein Geben und ein Nehmen, ein starkes Fundament, auf dem stets aufgebaut werden kann. Aber eine Freundschaft muss ehrlich sein und eine gewisse Direktheit muss Platz haben. Und hier schlägt das Schicksal meistens zu. Dann schnappt die Falle der Erwartung zu und es trifft einen so richtig fett. Dann zum Beispiel, wenn Partnerinnen oder Partner ins Spiel kommen; man schwebt auf Wolke 7 und will auf Biegen und Brechen erzwingen, dass man sich doch automatisch auch mit den Freunden gut versteht. Oder eine Freundschaft schläft ein – eine Person verändert sich, sei dies aus beruflichen Gründen oder wegen einer örtlichen Verschiebung. Man schwört sich ewige Treue, aber vielleicht nicht laut, sondern innerlich, weil man Angst hat, verlassen zu werden. Wer wird schon gerne verlassen? Ich jedenfalls nicht. Dann lässt man dies einfach so vor sich hinplätschern, weil man die Zeit oder den Mut nicht aufbringen will, mal Tacheles zu reden. Wir scrollen durch unser Handy, beobachten und wissen, er oder sie ist online – da präsent, aber so weit weg. Und jetzt entscheidet es sich, ob man wirklich den Mut aufbringt, die Sache direkt anzugehen, abmachen zu einem Kaffee und dann die Karten auf den Tisch zu legen.
«Warum? Ja warum, meldest du dich nicht? Habe ich was falsch gemacht? Nein? Aber warum sprechen wir nicht miteinander oder tauschen uns aus? Alles gut? Und sonst wie geht es dir? Ah, neuer Herausforderungen, wusste ich gar nicht.» So eine Unterhaltung kann sich stundenlang dahinziehen. Und dann wäre eigentlich der Moment da, Schluss zu machen. Eine Freundschaft aufzulösen. Wir lösen Verträge auf, uns wird vielleicht die Arbeit gekündigt, wir beenden Beziehungen, aber wir sind nicht imstande, eine Freundschaft offiziell für beendet zu erklären.


Mir sind Freundschaften sehr wichtig und ich gehöre zu den Menschen, die sie auch pflegen. Manchmal tut es weh und manchmal rege ich mich auf und dann teile ich es mit – insofern sie dann da sind. Aber da sind auch stumme Freundschaften, die eingeschlafen sind und ich habe es schleifen lassen. Beenden oder eine Chance geben? Was schon Jahre stumm ist, kann nicht einfach so wiederbelebt werden und ich, ich tue mich schwer damit. Denn ich weiss, dass andere auch wissen, was ich weiss.


Lass gut sein, aber ich werde niemals aufgeben.