Lieber Stress, wie geht es dir

Ich habe nun mehr als ein Jahr damit verbracht, mich der Stressfrage zu widmen und mich mit ihr auseinanderzusetzen. Das ist eine ganz üble, aber offenbar sehr willkommene Frage. Während meinen Recherchen habe ich festgestellt, dass es verschiedene Arten von Stress gibt. Da gibt es den optischen Stress – nervöses, zielloses und schnelles Gehen, sogar bis zum Rennen. Dann gibt es den akustischen Stress; Backen aufblähen und ein nerventötendes Stöhnen. Und hinter diesem nerventötenden Stöhnen ein verzweifeltes «wie soll ich das bloss machen».

 

Es gibt also nicht nur Reisekategorien, nein es gibt auch Stresskategorien. Es ist total schick zu sagen, «ich bin im Stress» und «wir haben nun Stress» und wenn man fragt warum, wissen es die meisten gar nicht. Kinderkrippenstress finde ich ganz übel. Morgens im Tram, abends im Tram und stets dieser gehetzte Blick und das bange Hoffen, dass das Kind nicht weint, schreit oder Terror macht – im Tram. Und diese Mütter oder Väter rennen meist zur Krippe, kommen dann völlig abgekämpft aus der Türe gestürzt und hetzen ins Büro oder so. Weil sie sind wahrscheinlich Manager und Manager oder Kaderleute sind gestresst. Warum ich das weiss, obschon ich keine Kinder habe? Auf meinem Arbeitsweg liegen drei Kitas. Ha, ich bin spezialisiert auf die Kita-Mütter und -Väter. «Getreu dem Motto «die Geister, die ich rief» mutieren dann all die gar im Reagenzglas gezeugten weil so gewünschten Kinder, die coolen Events, die spannenden Sitzungen, Projekte und Meetings zu Stressoren. Und dann ist es wie beim Schoggi. Wie wär’s mit dem richtigen Mass?»
Tram- oder Zugstresser sind die Leute, die in ihr Handy brüllen, wo sie nun welchen Termin haben. Das sind dann aber auch die, die sich aufregen und rumbrüllen wegen Datenschutz. Obschon das ganze Tram oder Zugabteil weiss, dass er oder sie nun in Zürich und Schaffhausen oder Murten oder wo auch immer einen Termin hat.


Früher hatte man Besprechungen oder Sitzungen und heute hat man Meetings, natürlich verbunden mit Stress. Weil würde man nicht völlig gestresst mit 15 Minuten Verspätung zum Meeting kommen, würde noch der Verdacht aufkommen, dass man nichts zu tun hätte, bzw. nicht gestresst wäre. Und das geht nun gar nicht. Dann werden die Tablets angetippt, Laptops hochgeklappt und bling-bling-bling geht der Wettbewerb der eingehenden E-Mails los. Und geht es um eine Terminfindung für das nächste Meeting, bitte Backen aufblasen und Augen aufreissen, entsetzt in die Runde schauen: «Wie – in den nächsten zwei Wochen? Nein, da bin ich total voll.» Betrunken oder was? Ja ja ja, ich gehöre auch in diese digitale Wunderwelt und hänge stets am Handy und meine Mutter findet das voll doof. Sie sagt es nicht, aber ihr Blick sagt ALLES. Also versuche ich, wenn ich bei meiner Mutter bin, auf Entzug zu gehen.


Handystress ist auch ganz putzig. Bei Meetings kommen die Handys auf den Tisch. Dann die Erklärung: «Ich erwarte noch einen dringenden Anruf, DEN MUSS ICH ANNEHEMEN», weil sonst geht die Welt unter. Oder der: «Ich lege das Handy auf den Tisch», leicht verlegener oder verwegener Blick, «falls meine Kinder anrufen, da MUSS ICH ERREICHBAR SEIN». Also wenn die Kinder telefonieren können, dann werden die sich wohl zu helfen wissen. Die haben ja sicher Internetzugang und können sonst googeln, statt die Alten zu fragen. Ich pflege in solchen Momenten zu sagen: «Ich behalte mein Handy auf dem Tisch, weil ich nichts verpassen möchte.»


Lieber Stress, wie geht es dir? Und komm bloss nicht auf die Idee, mich um Hilfe zu fragen, so dass ich mich dir womöglich noch annehme. Und liebe Leute, seid mir nicht böse, wenn ihr zu mir sagt, ihr seid im Stress und ich nichts anderes übrighabe, als ein müdes Lächeln. Müde, weil ich nicht weiss, was ich darauf erwidern soll. Lieber Stress, ich bin völlig überfordert mit dir und deinen Auswirkungen.


Lass gut sein.