Wechseljahre Zürcher Art

Der beste Nährboden meiner Blogs sind ja die öffentlichen Verkehrsmittel und dies obwohl ich diese ÖV’s gar nicht so mag. Da sass ich also in der Zahnradbahn Richtung Monte Generoso an einem Montag, weil ich gedacht habe, am Montag hätte es nicht so viele Leute. Habe ich gedacht, jaja. Da habe ich aber die Rechnung ohne optimale Fernsicht und Meteo Schweiz sowie ohne die Senioren und Kinder, welche zu Hause unterrichtet werden, gemacht. Nun gut, es gab für alle einen Platz und im Abteil neben uns sassen drei Frauen aus Zürich – also drei Zürcherinnen. Jetzt muss ich etwas vorsichtig sein, denn ich kenne viele ZüricherInnen und ich mag die wirklich gut. Ich mag die direkte und schnelle Art der ZüricherInnen. Zack auf Punkt. Nun zum Dialekt, Nicht-ZürcherInnen wissen, was ich meine, dieses «wäääisch» und so, das Ä steckt hinten beim Halszäpfli. Einen weiteren Vorteil haben die ZürcherInnen auch noch – man versteht sie immer sehr gut, um nicht zu sagen sie sind laut.

 

Ja da sassen sie also, die Zürcherinnen, alle plus minus in meinem Alter bzw. vielleicht etwas älter. Also sie sahen älter aus. Sie waren auch bewaffnet, nämlich mit Wanderstöcken. Es tut mir jetzt wirklich leid, aber ich musste mithören, ich konnte nicht anders. Dem Gespräch entnahm ich, dass sie sogenannte Freundinnen waren. Hemmungslos haben sie über eine Martina gesprochen (die fehlte) und darüber, dass die sich so weltoffen gibt, aber so wahnsinnig kompliziert ist in Sachen Essen. Das kommt davon – so die Analyse – weil sie eben single ist. Die ZürcherInnen sagen nicht ledig oder gar alleinstehend, sie sagen natürlich single, weil Zürich ja eine Weltstadt ist. Und da meinte Zürcherin mit Baseballmütze (in meinem Alter +/- 4 Jahre = 47, 48, oder vielleicht doch 50), die Martina stecke vielleicht in den Wechseljahren. Zürcherin B mit weisser Stretchwanderhose und Daunengilet (wo ich grün wurde vor Neid, als mir der Wind auf dem Generoso um die Nase wehte) nahm den Faden sofort auf und meinte, bei ihr gebe es auch Anzeichen von Wechseljahren; ihr werde manchmal so heiss und das bereite ihr Sorgen, von der allfälligen Gewichtszunahme nicht zu reden. Zürcherin C mit leichtem Esotouch meinte dazu, also sie sehe den Wechseljahren gelassen entgegen, ihre Grossmutter (wurde 94 Jahre alt) und ihre Mutter hätten die Wechseljahre ohne Gewichtszunahme überstanden. Sie seien «so» geblieben und sie streckte den kleinen Finger ganz frech in die Höhe. Daraus schliesse ich, Mutter und Grossmutter sind und waren magersüchtig. Dann haben sie über Filme geredet und Frauen in den Rollen der Wechseljahre. Zürcherin C (Esotouch) meinte daraufhin, also im Alter würde sie dann die Maisonettewohnung ihrer Eltern übernehmen, die sei so läss. Überhaupt, wolle sie dann mit Zürcherin A (Baseballmütze) und B (Daunengilet) in die Stadt und so. Die hat also ähnlich romantische Vorstellungen vom Alter, wie ich sie habe. Dann kam ihr in den Sinn, dass ihre Mitzürcherinnen vielleicht keine so hohe Alterserwartung haben, wie sie ihr vererbt wurde, und dann meinte sie weinerlich: «Oh, näiiii, ich will dänn nöd alläi in d’Stadt.»


Heiter weiter ging es mit ihren Ferienerlebnissen. Zermatt finden sie doof, wegen der Gepäckschlepperei, ausser der Martin ist vor Ort, der hat nämlich ein Elektromobil. Und der Martin ist auch ein lässer Typ. St. Moritz finden sie nur im Winter toll und Davos hat keinen Charme. Dann doch lieber die Schlepperei in Zermatt. Den Tessintrip fanden sie auch toll, weil sie sich so gut verstehen. Das Essen im Golfclub fand Baseballmütze nicht so toll, dafür fand Daunengilet das Steak und den Salat ein Volltreffer. Esotouch war dann sehr erstaunt, dass Daunengilet am Samstag Ossbucco gegessen hat, weil das könne man also auch zu Hause kochen. Steak und Salat ja nicht. Vielleicht ist Esotouch auch nur besorgt um die Wechseljahrfigur von Daunengilet. Baseballmütze outete sich noch als Liebhaberin von Seeli im Kartoffelstock. Esotouch findet das doof, weil sie ist kein (Achtung Originalton) «Ich bin kä Sösselityp».
Und als die Luft dünner wurde, wurden die Themen tiefgründiger. Baseballmütze hat aufgehört zu arbeiten, als die Kinder in die Schule kamen. Denn wenn die Lehrerin krank war, gab es so viel zu organisieren. Daraus schliesse ich, die Lehrerin war jede Woche krank. Daunengilet packte dann ganz frech den Giftpfeil aus und meinte direkt zu Baseballmütze: «Du hast gar nie richtig gearbeitet.» Dann war es aber für einen Moment still. Ich schaute angestrengt den Abhang hinunter und hielt die Luft an. Daraufhin relativierte Esotouch die Situation, indem sie ein bisschen Baseballmütze und auch ein bisschen Daunengilet beipflichtete.


Ja und dann waren wir oben auf dem Monte Generoso. Fette vierzig Minuten Unterhaltung vom FEINSTEN. Mit denen würde ich glatt nach Hamburg fahren. Ich danke euch, Zürcher Ladies, es war so amüsant. Manchmal muss man einfach auch grosszügig sein und ich war noch nie so dankbar für eine Fahrt in der Zahnradbahn, die mich sogar meine Höhenängste vergessen liess.

 

Ein Wechselbad der Emotionen Zürcher Art.