Bretter dieser Welt

Eigentlich wollte ich ja einen Ferienblog schreiben, weil ich immer dachte, ich hätte dann so richtig schön Zeit zum Schreiben. Aber nein, ich hatte dermassen Wetterglück, dass ich beinahe noch in einen Schreibstress geraten bin. Ich habe viele Eindrücke gewonnen und viele Leute gesehen und gehört und mein Blog-Notizbuch ist vollgeschrieben. Also an Themen mangelt es mir nicht.


Als ich in den Ferien war hatte ich Zeit, mich wieder einmal dem TV hinzugeben. Schon vor langer Zeit habe ich mich als «The Voice Of Germany»-Fan geoutet. Nun beginnt die Staffel weiss-ich-wieviel und entweder werde ich immer älter, oder die Teilnehmer jünger. Oft werden diese Talente gefragt, wie alt und woher und dann wird von den Coaches noch die entscheidende Frage gestellt nach dem WARUM. Meist wird diese Warum-Frage gesittet und völlig ungekünstelt beantwortet. Da haucht eine 16jährige ins Mikrofon «ich singe für die Mama» oder «für meinen Freund» oder «für all die Leute, die an mich glauben». Witzig, oder? Also entweder kann man singen und steht dann auf dieser Bühne und glaubt entsprechend an sich, oder sonst kann man es lassen und weiterhin unter der Dusche singen. Nun gibt es aber auch die Vorwitzigen und die sagen: «Ich möchte berühmt werden!» …ah jetzt kommen wir der Sache schon näher, oder? Berühmt werden und berühmt sein sind aber zwei Paar Schuhe.


Nebst TVOG bin ich zudem ein grosser Fan von Talkshows und zwar von jenen freitags um 22 Uhr. Die mehr oder weniger berühmten Menschen sitzen kunterbunt gemischt aus jeder Gewichts- und Intelligenzklasse zusammen im Kreis und die Moderatorin oder der Moderator führt ein 5- bis 10-Minuten-Gespräch. Manchmal ist es ganz ernst und manchmal ist es sogar lustig. So auch an diesem besagten Freitag, als Maite Kelly (Mitglied der Kelly Family und eigenes Modelabel) dort sass und dies nach der krachenden Nachricht, sie und ihr Ehemann hätten sich getrennt. Diese Breaking News wurden am Nachmittag in den Social Medias gepostet. Und diese starke Frau hatte also den Mut und sass am gleichen Abend in dieser Talkshow und unter Tränen sagte sie live: «Ich liebe meinen Mann immer noch.» (Warum habe sie sich denn getrennt?) Alle Teilnehmer nickten ernst und die Moderatorin war ja so einfühlsam, als sie ihr noch einmal versicherte, wie stolz sie (die Moderatorin) sei, dass sie ausgerechnet an diesem schweren Tag in ihrer Show sass. Eine Woche später: In der Sendung «Schlagerboom» singt besagte Maite Kelly mit Roland Kaiser (den muss man nicht kennen) ein Duett mit dem Titel: «Warum hast du nicht NEIN gesagt». Leute, dieses Duett müsst ihr euch noch einmal anschauen, es ist und war für mich das absolute TV-Highlight meiner Ferien. Na ja, vielleicht war es dann doch eher David Hasselhoff im goldenen Jackett und gefärbtem Haar, der ins Mikrofon brüllt «I’m crazy for you – you are crazy for me». Als Backgroundsänger hatte er einen Gospelchor im Rücken. Der Moderator dieser Show war dieser Silbereisen und ich glaube, der war auf Highspeed, es fehlten echt nur noch Dr. Brinkmann und Schwester Christa, die über die Bühne schwebten. Item.


Nun ist es ja so eine Sache mit der berühmten Weltbühne. In einer weiteren Folge dieser Freitag-Abend-Talkshow sass Conchita. Nein, nicht Wurst, sie nennt sich jetzt Conchita. Und nein, das ist nicht Wurst, weil Conchita es nicht mochte, wie der Name «Wurst» auf Englisch ausgesprochen wurde. Nämlich «Worst». Saublöd, damals wusste Conchita noch nicht, dass sie ein Weltstar wurde. Also, Conchita sass elegant auf dem Stuhl und erzählte von ihrer Weltkarriere. Dann ein kurzer Einspieler von einem Konzert in Sidney mit ACHTUNG standig ovations. Jetzt aber HALLO. Die hatte den ESC gewonnen und jetzt steht diese Conchita auf der Weltbühne – ein Weltstar, sie ist berühmt und endlich kann sie es der Welt zeigen, dass man nicht immer der Norm entsprechen muss, um ein Weltstar zu sein. Das wollte sie doch immer. Aber nein, und jetzt fiel mein Weltbild von Conchita in sich zusammen, als sie sagte: «Wenn ich den Applaus hörte, empfand ich nichts mehr, denn ich habe nur noch gearbeitet und hatte keine Zeit mehr für mich. Ich benötigte einen Psychologen, der mir half, zu wissen wer ich bin.»


Nun wollen alle berühmt werden, inklusive 16jährige Voices of Germany und wenn sie dann auf der Weltbühne stehen, dann fühlen sie nichts mehr. Zwei Bretter der Weltbühne lösten sich und Conchita fand die Lösung: Sie ging auf Kreuzfahrt und dann erzählte sie doch noch die eine oder andere Geschichte, weil sie sich so wohl fühlte auf dieser Kreuzfahrt. Die hat doch tatsächlich mit dem Paar von der Kabine nebenan gefrühstückt. Jetzt stelle man sich das mal vor, das Paar hat mit Conchita gefrühstückt. Und Conchita hat sich extrem wohl gefühlt mit dem Paar, denn die haben sie so akzeptiert, wie sie ist. Mhm. Conchita muss also auf eine Kreuzfahrt, um sich wieder selbst zu sein.
Man glaubt es kaum, aber mein Bruder Reto hat mir mal angeboten, dass wenn ich auf eine Kreuzfahrt mit Sepp Trütsch gehen würde, dann würde er mir diese bezahlen. Ob ich dann auch mit Sepp Trütsch gefrühstückt hätte? Ich habe damals abgelehnt, heute weiss ich, ich hätte es tun müssen.


Was ich nicht verstehe bei Conchita und Maite: Auf der einen Seite wollen sie auf die Bretter der Welt und sich dort präsentieren, wie auch immer. Und dann, sobald es wirklich spannend wird, kommt das Argument, es sei einfach alles zu viel. Und doch, wenn man es wolle, könne man es schaffen, aber der Preis sei unendlich hoch.


Etwas spöttisch summe ich in mir: «Warum hast du nicht NEIN gesagt?»