Warten mit System

Als die Geduld verteilt wurde, haben meine Eltern es versäumt, mich anzumelden. Sprich: Ich ging leer aus und somit fehlt mir nun die Geduld. Ich beneide die Menschen, die stundenlang eine filigrane Arbeit ausführen können. Ich bewundere auch Menschen, die ein Puzzle machen. Oder all diejenigen, die in der Weihnachtszeit die gefühlten 50 Güetzisorten backen und diese in einer einzigartigen Präzision. Nicht weniger bemerkenswert sind die Leute, die sich ein vierstündiges klassisches Konzert anhören, notabene auf einem unbequemen Stuhl, und sich dann weitere zwei Stunden darüber unterhalten können. Für mich ist Kino schon anstrengend und spätestens in Minute 60 beginne ich mal mit Rückenbeugen.


Fliegen ist nicht meine Paradedisziplin, Zugfahren auch nicht und ich weiss nun auch warum. Gut, beim Fliegen gibt es verschiedene Gründe, einer davon ist die elende Warterei auf dem Flughafen. Immer wieder bekomme ich zu hören: «Aber das ist doch spannend, die Leute zu beobachten.» Diesen Sommer war ich diverse Male in der Luft und musste somit diverse Male warten. Nun habe ich ein System entwickelt, um mir die Warterei zu erleichtern. Ich habe Kategorien festgelegt und wenn ich warte, dann werden die Leute eingeteilt: Da sind die Leute, die mit mir im Flugzeug sitzen, also die Mitflieger, oder aber die Piloten, die Flugbegleiter, die Vielflieger, die Besserflieger, die Familienflieger, die Businessflieger und die Wichtigflieger.
Ich picke mir also die Leute raus und dann mache ich den Scan. Und da ich diese Leute nie mehr sehe, kann ich sie ohne Hemmungen anglotzen. Ich taxiere zum Beispiel die Uniformen der Crew, dann die Frisuren, die Schuhe etc. Übrigens, achtet mal bei Flugbegleiterinnen auf die Schuhe! Die sind a) zu gross und b) nie gut geputzt und die Absätze sind c) auch nicht mehr so wie sie einmal waren, da sie wahrscheinlich immer das Wägeli bremsen müssen. Die Wichtigflieger stehen beim Check-in total genervt in der Schlange und verdrehen die Augen, wenn es tatsächlich Leute gibt, die vielleicht nervös sind und deshalb ihre Unterlagen nicht mehr finden vor lauter Herrjesses. Einem Wichtigflieger kann so etwas nie passieren, weil er wichtig ist und weiss, wie man sich professionell bei einem Check-in verhält. Und er geniesst den Moment, als letzter in den Bus zu steigen, weil man ach so wichtig ist und nur auf ihn oder sie gewartet wurde. Die Besserflieger vergleichen immer und kommentieren alles und jedes. Und die können sich über Dinge aufregen, die mir sowas von egal sind.


Ich gehöre übrigens zu der Kategorie der nervösen Nichtgernflieger. Ich bin nämlich ein Angsthase und leide, wenn die Motoren aufheulen und fremde Kräfte über mich bestimmen. Mir wird übel und flau im Magen und ich registriere jeden Wackler. Ich bin für einmal ganz ruhig und sage nichts.


Ich weiss nun auch weshalb ich nicht gerne Zug fahre. Erstens weil ich warten muss, bis der Zug da ist, dann muss ich warten bis er abfährt und dann muss ich wieder warten – nämlich bis er ankommt. Und nein, ich kann weder arbeiten noch kann ich lesen im Zug, weil ich mich nicht konzentrieren kann. Somit habe ich angefangen, mein System mit den Flugkategorien in Zugkategorien umzuwandeln. Und ich überlege mir ernsthaft, diese Kategorisierung patentieren zu lassen.
Manchmal muss man sich selber überlisten, damit die Schwächen erträglicher sind. Und manchmal, meine lieben Blogfreunde, möchte ich mal all diesen Wichtigtuern und Besserwissern so richtig die Meinung geigen. Leider sind diese Leute oftmals tatsächlich wichtig, oder aber sie können sich diese Wichtigkeit erkaufen und wir lassen einfach alles still und demütig über uns ergehen.


Dank diesen Leuten habe ich nun ein sensationelles System entwickelt und Leute, es funktioniert. Ich muss weder Atemübungen machen noch muss ich mich im Schneidersitz hinsetzen – ich habe meine Kategorien. Wetten der grösste Teil von euch macht das auch?


So geht das auf all diesen Häfen und Höfen.