Mutter und das Alter

Ich habe eine bestimmte Vorstellung davon, wie ich denn sein möchte im Alter. Oder was ich dann tue und wie ich meinen Alltag gestalten werde. Noch bin ich in der Phase, in der ich mir hin und wieder sage: «Also das werde ich bestimmt nicht tun, wenn ich einmal alt bin!». Jetzt ist das ja so eine Sache, denn ich weiss wahrscheinlich nicht, wie ich dann sein werde im Alter und ob ich meine Vorsätze auch wirklich leben werde. Meine Grossmutter Ida Hirschi war im Alter eine Nummer, ganz ehrlich. Da wir Müller-Kinder in einem Generationenhaus aufgewachsen sind, Grossmutter und Grossvater im oberen Stock, kann ich dies gut beurteilen. Ida wurde 92 Jahre alt und war bis ins hohe Alter mit einem wachen Geist gesegnet. Ida war für die damalige Zeit eine sehr emanzipierte Frau und Ida wusste, was sie wollte und vor allem auch, was sie nicht wollte. In einem Generationenhaushalt bekommt man ja so einiges mit und das nur zum Vorteil. Das Verständnis für die Alten ist ein anderes als bei Sonntagsgrosis. Meine Mutter pflegte manchmal zu sagen: «Ob ich wohl auch so werde, wie meine Mutter es ist?» Und es spielt jetzt keine Rolle bei was oder warum. Grossmutter Ida Hirschi wie auch meine Mutter sind in Sachen «alt werden» vorbildlich; sie alterten und altern in Würde. Und das, meine lieben Blogfreunde, das ist ganz hohe Kunst: in Würde älter werden. Ein Beispiel? Weder meine Grossmutter noch meine Mutter wären je auf die Idee gekommen, ihre Haare zu färben. Gen vererbt – ich mache es auch nicht und werde es nie tun.
In meinem Freundeskreis sind die Eltern plus minus in der gleichen Alterskategorie und manchmal tauschen wir uns bei einem Abendessen aus. Nicht jammern, nein, es ist ein Erfahrungsaustausch. Da wird über Autofahren im Alter gesprochen, mit oder ohne Hörapparat (eingestellt oder nicht), Originalhüften oder künstliche Gelenke, grauer Star schon operiert usw. Alles andere möchte ich hier jetzt nicht erläutern. Und wisst ihr was? Die Alten ticken alle gleich – diese Generation ist identisch. Und wenn ich sage «die Alten», dann meine ich das überhaupt nicht beleidigend, sie sind alt und sie wissen. Diese neuen Bezeichnungen von Senioren und «Bestagern» und weiss ich was alles, da winke ich ab. Letzthin habe ich mich gefragt, wie es wohl so ist im Alter: Wie werden sie damit fertig, die Alten und wann kommt der Moment und die Jungen, die auch älter werden, sollen gewisse Dinge übernehmen, ohne dass es den Alten weh tut.


Ich habe eine Lieblingstante. Eigentlich ist sie nicht meine Tante, aber aufgrund dessen, dass sie leider keine Kinder haben konnte, ist sie für Müllers eine Tante. Sie ist ein wunderbarer Mensch und auch sie ist alt und von Krankheiten gezeichnet. Aber diese Rede, die sie an ihrem 85. Geburtstag gehalten hat, ha! Ihre Haltung und ihr Wille, diesen Tag zu geniessen, da musste ich gegen die Tränen kämpfen.


Es gibt übrigens nicht nur hyperaktive Kinder, nein, es gibt auch hyperaktive Alte. Erschwerend kann bei dieser Art hinzukommen, dass diese so ihre Probleme haben mit dem Alter. Ai ai ai. Sport ist ein dankbares Thema. Da werden 85-Jährige porträtiert, die noch einen Marathon laufen oder mit dem Rennvelo eine Dreipässefahrt absolvieren. Sie fahren Auto, sie fahren Velo, sie joggen, sie jagen auf der Langlaufloipe einem imaginären Häschen hinterher und sie spielen Golf wie Tiger Woods es einmal tat. Und dann plötzlich kann es passieren, dass sie stürzen und sich einen vielleicht doch ins alter gekommenen Knochen brechen. Da gibt es so eine sau doofe Werbung, wo ein kleiner Junge zu seiner Grossmutter ins Wochenende geht und durch die Blume sagt dieser Junge, beim Grosi sei es langweilig, weil sie sich nicht mehr gerne bewegt. Dafür gibt es ja Voltaren forte und die Grossmutter macht beinahe ds Redli auf dem Kinderspielplatz. Fit sein und gesund bleiben, liebe alte Leute, ist sehr gut, aber bitte mit Mass und… in Würde.


Meine Vorstellung vom Alter ist total romantisch. Ich sehe mich in bester Gesundheit das Leben geniessen und ich habe auch meine Vorstellungen, mit wem ich geniessen werde. Wie gesagt, die Vorstellung ist romantisch und manchmal darf man auch ein bisschen träumen. Davon träumen, wie ich vormittags, nachdem ich ausgeschlafen habe, ins Café gehe, mich mittags verpflege und gegen den frühen Abend rausche ich ins Apéro. Ich treffe mich mit all meinen Freundinnen und Freunden und wir verbessern die Welt und leben in der Vergangenheit. In meiner romantischen Vorstellung gibt es keine einsamen Fernsehstunden und keine Schmerzen, die einen in der Nacht plagen. Keine Sonntage, die nie vorübergehen und auch keine schmerzlichen Verluste. Nein, nein, deshalb ist die Vorstellung auch so romantisch.


Noch ist es nicht soweit und ich habe noch viel zu tun. Aber mal darüber nachdenken ist gut und denkt auch mal über die Eltern und Grosseltern nach. Diese Generation wird es in dieser Form nicht mehr geben: patent, flexibel immer auf Abruf und alles im Dienste der Kinder und Grosskinder. So wie meine Mutter, eine wunderbare Frau, vor der ich meine grösste Hochachtung habe.