Rolf's Royals

Wer nicht schon mal hat, der schummelt. Was? Eine royale Hochzeit geschaut, natürlich. In der Sommerzeit bringt der TV-Sender ZDF immer wieder Beiträge über die europäischen Adelshäuser. Ich schaue diese Sendungen immer mit dem grössten Vergnügen, sie sind nämlich spannend und die royalen Hochzeiten sind geradezu sensationell. Alles nur gestellt und ein alter Zopf? Weit gefehlt, eine royale Hochzeit ist nicht minder künstlich als ein Auftritt von Helene Fischer. Dieses Abtauchen in eine andere Welt, dieser pompöse wunderbare Samt, der sich beim Betrachten dieser Hochzeiten über unsere Alltagsseelen legt – das ist wunderbar. Aber der Reihe nach.


Diese Direktübertragungen beginnen ja weit vor der Kutschenfahrt und des Hochzeitskusses auf dem Balkon. Wie bei einer Fussball-WM, wird Stunden vorher spekuliert über das Menu, die Blumen, die Blumenmädchen, die Ringe, die Kleider und – jetzt kommt mein Highlight – die Gästeliste. Hier trennt sich schon mal der Weizen vom Spreu. Aber nicht nur die Gästeliste, nein, auch die Reihenfolge, wer zuerst in die Kirche läuft und wie sie laufen, wer mit wem verwandt und wie wichtig – die Bürgerlichen (nicht mit einer politischen Gesinnung zu verwechseln) kommen immer am Schluss. Das wäre ja auch noch, schliesslich zahlen die ja den ganzen Spass, weshalb also sollten die zuerst kommen. Und die können sich glücklich schätzen, sind sie überhaupt dabei. Die Bürgerlichen sind aber nicht etwa gleich zu setzen mit den Stars, die kommen nämlich noch vor den Bürgerlichen. Aber damit man zu einer royalen Hochzeit eingeladen wird, muss man wirklich ein Star sein und dann bitte sehr noch mit Format und blütenweisser Weste. Ich denke kaum, dass Amy Winehouse zur Hochzeit von William und Kate eingeladen worden wäre. Nein, nein, so geht das schon nicht, Polterabend ok, aber sicher nicht zur Hochzeit.


Der EIGENTLICHE Grund, weshalb ich diese Hochzeiten auf dem Fernsehsender des ZDF anschaue (und ausschliesslich auf diesem Sender), ist aber nur einer und das ist wahre Liebe, nämlich die Liebe zu Rolf Seelmann-Eggebert. Dieser Rolf Seelmann-Eggebert hat nicht nur ein extrem hochstehendes und umfassendes royales Wissen – nein er darf sich nämlich als einziger «Adelsexperte» nennen. Der Hammer oder? Und er hat sich diesen Titel auch verdient, Rolf weiss alles und wenn er es nicht weiss, denkt er es zu wissen. Er ist der wahre Experte, da kann Glanz & Gloria noch vor dem Frühstück zusammenpacken. Das ist überhaupt nichts im Gegensatz zum ZDF und meinem Rolf Seelmann-Eggebert. Letzthin landete ich aber zufällig auf einer Sendung ÜBER Rolf Seelmann-Eggebert; der Adelsexperte ist im Jahr 2017 nämlich 80 Jahre alt geworden. Der hat alles, aber wirklich alles im europäischen, royalen Leben miterlebt. Seit 30 Jahren ist er mittendrin, mit einer unglaublichen Leidenschaft und das ausschliesslich für die royale Gesellschaft. Der weiss sogar, um wie viele Grad er seinen Kopf neigen muss vor der englischen Königin. Ha!


Ich warte jetzt auf den Tag, an dem es wirklich passiert, aber bis es soweit ist, wird Rolf Seelmann-Eggebert keine royale Hochzeit mehr kommentieren und ich werde dann wahrscheinlich noch älter sein als es Rolf ist. Ich spreche vom Tag, an dem die Prinzessin eine Bürgerliche oder im höchsten Fall eine Prinzessin heiratet oder der Prinz einen Prinzen, nämlich seinen Prinzen. Und dann interessiert mich nur eines und das ist das Protokoll. Das wäre was für Rolf Seelmann-Eggebert – aber so gut ich Rolf mag, er wird es sicher nicht mehr erleben.


Saure Gurkenzeit im Sommer, nicht wenn royale Hochzeiten anstehen mit und von Rolf Seelmann-Eggebert. Und wenn halt keine Hochzeiten anstehen, dann tun wir so als ob. Mit oder ohne Stars, mit oder ohne die Bürgerlichen. Aber ein bisschen Pomp muss sein, auch wenn die Vorstellung des purpurroten Samt in dieser Jahreszeit etwas warm macht.
So geht das, wenn eine nicht-Adelsexpertin ihren Senf dazu gibt.