Stimmungsmensch

Zugegeben: Meine Playlist, ich habe nur eine, ist entgegen meinem Ordnungssinn das pure Chaos. Ich wähle jeweils den Modus «zufällig» und so hört sich das auch an. Ich lege keinen grossen Wert darauf, die Songs zu ordnen und hin und her zu schieben, ich lasse mich überraschen. Da ich ja nun zu den Hörerinnen von SRF1 gehöre, höre ich hin und wieder einen Titel, der mit Erinnerungen verbunden ist. Ich gehöre zu den Menschen, die mit Musik einschlafen. Einmal, kurz bevor ich einschlief, dröhnte Aretha Franklin mit voller Wucht aus meinem uralten Radiowecker. Es war das Jahr 1991, ich arbeitete damals im Engadin. Ein anderes Mal wisperte Enrique Iglesias Song «Hero» mit den einleitenden Worten «Would you dance, if I ask you to dance», 1998.


Staubsaugen gehört nicht zu meinen Lieblingstätigkeiten, aber ich mache es hin und wieder. Damit mir alles etwas leichter fällt, stecke ich mir die Kopfhörer ein und es gibt nur eines: Alice Cooper «House on fire» und im Nachgang «Poison». Dieses Mal nicht zufällig, nein, dieses Mal in der Wiederholung und mit voller Absicht. Übrigens lässt sich mit einem Staubsaugerrohr hervorragend Luftgitarre spielen.


Ich bin ein Stimmungsmensch, jaja, die geht dann mal hoch und dann wieder runter. Und ich kann so richtig schön wütend werden und das muss dann aber so was von raus. Ha, da kenne ich nichts und wehe irgendjemand kommt mir in diesem Moment in die Quere. Oder noch schlimmer, jemand sagt zu mir das Falsche (und genau, zu diesem Zeitpunkt ist eigentlich alles falsch), dann ticke ich so richtig aus. Ich habe es mir nicht ausgesucht, ich habe es geerbt, so einfach ist die Erklärung. Vater Christian konnte so richtig wütend werden. Und nein, ich werde nicht daran arbeiten, denn was draussen ist, ist draussen und muss nicht noch bearbeitet werden. Musikalisch verbindet mich dieser Zustand sehr stark mit Gianna Nannini, es sind diese südländischen Temperamentsausbrüche, die meiner Impulsivität sehr nahe kommen. Als ich mal bei meiner Ärztin war für den Gesundheitscheck, fragte sie mich, ob ich mich denn ab und zu aufregen würde. Herrlich, ab und zu. Ich habe ihr gesagt, ich würde mich jeden Tag ein bisschen aufregen.
Ich bin ein ausgesprochener Morgenmuffel seit Kindsalter. Den morgendlichen Familientisch habe ich ausgelassen, ich habe es mir so eingerichtet, dass ich früher aufgestanden bin und in Ruhe mein Frühstück genommen habe. Ohne Familie. Ja genau, geneigte Blog-Leserinnen und -leser – ich sage nur «BrunchLi». Ich muss mich an den Tag gewöhnen oder der Tag sich an mich. Und ja, ich gehörte zu den Tramfahrerinnen, die mit den Kopfhörern im Ohr dasitzen. Und diese Tramfahrten erinnern mich immer an eine Zeit, in der ich jeden Tag mit dem Zug von Zweisimmen nach Spiez fuhr, mit einem damals super coolen Walkman. Weil ich mich schon damals in Sachen Musik nicht so festlegen wollte oder konnte, orientierte ich mich an meinen Bruder. Der hörte damals Fleetwood Mac. Und manchmal im Tram dieses feine «tell me lies, tell me sweet little lies» ist ein wunderbares Abtauchen ins Jahr 1988.

Vor nicht allzu langer Zeit sass eine junge Frau neben mir in meinem Auto und mein i-Phone arbeitete sich im Zufallsmodus durch. Bei diesen modernen Autos gibt es ja einen kleinen Bildschirm und der sagt dir dann, was der Zufallsmodus hergibt. Die junge Frau lächelte leicht spöttisch und meinte zu mir: «Tina, du hörst Backstreet Boys?» Erst später ging mir diese Frage noch einmal durch den Kopf und dann musste ich lachen. Ha! Backstreet Boys ist noch lange nicht der ultimative Brüller auf meiner Playlist! Nein, nein. Aber bevor ich das Geheimnis lüfte noch dies: In einer Radiosendung habe ich gehört, dass der Moderator einmal sagte: «Für die Tatsache, dass niemand Modern Talking gehört haben will, haben die aber ganz schön viele Platten verkauft.» Ja, damals sagte man noch Platten.


Meine lieben Leute, das braucht schon Mut mit einem GTI und Modern Talkings «Atlantis is calling SOS for love» durch die Stadt zu fahren und das Fenster 20 cm zu öffnen. Ich habe den Schwierigkeitsgrad erhöht und liess die Sonnenbrille weg. Noch peinlicher wäre, nicht dazu zu stehen, was soll schon passieren. Die Zeiten in denen ich cool sein musste sind längst vorbei – ein grosser Vorteil des Alters.


So geht das mit persönlicher Stärke, da muss ich nicht über glühende Kohlen laufen, Modern Talking reicht.