Zutrauen

«Das hätte ich dir nicht zugetraut». Schon mal gehört oder gedacht? Jemand macht eine Aussage oder tut einfach etwas, das nicht zu ihr oder zu ihm passt. Oder wir denken, dass es nicht zu ihr oder zu ihm passt. Leute, die Dinge tun, die man nicht von ihnen erwartet und ihnen schon gar nicht zutraut. Das muss nicht per se negativ sein, es kann auch positiv sein und es muss nicht immer traurig, sondern kann auch amüsant sein.


Es gibt so Erlebnisse in diesem Zusammenhang, die ich nie vergessen werde. So als ich einmal auf einer Sonnenterrasse meinen Kaffee getrunken habe (ich sollte übrigens meinen Kaffeekonsum einschränken, aber lassen wir das) und da sass ein Ehepaar am Nebentisch. Die haben auch Kaffee getrunken und sich unterhalten. Ich muss dazu sagen, dass die Frau auf mich den Eindruck gemacht – ach, wie soll ich das jetzt beschreiben? Also, sie machte so einen «verstüpften» und gesunden Eindruck. Aber ich möchte nicht wertend sein. Nun gut, die haben Kaffee getrunken und dann auf einmal zog diese Frau ein Päckli Parisienne Super aus ihrer Tasche und zündete sich genüsslich eine Zigarette an. Und wie diese Frau rauchte, so richtig mit Stil und mit purem Genuss. Ich habe diese Frau angestarrt – es war schon fast peinlich – ich konnte nicht anders und da dachte es: «Das hätte ich dieser Frau nie zugetraut.»


Heute sind wir ja vor allem damit beschäftigt, zu gefallen und der Norm zu entsprechen. Und wir sind tagelang damit beschäftigt, dass wir gleichgestellt sind. Wir sind alle bemüht, sportlich zu sein und uns gesund zu ernähren. Ohne nachzudenken traue ich einem Rentner heutzutage eine hochalpine Bergwanderung zu, einer Frau einen Reifenwechsel und ebenso, dass sie einen IKEA Schrank aufzustellen vermag (denn nur IKEA Schränke sind die wahre Herausforderung). Und den heutigen Vätern traue ich durchaus zu, dass sie ihre Kinder einen Tag lang betreuen können, ohne dass sie gleich meinen, dafür einen Preis für ihr Lebenswerk abholen zu dürfen. Einem bekannten Spitzensportler traut man eine Medaille zu. Einer oder einem begnadeten Fussballspieler/-in traut man ein Tor zu. Und plötzlich schiesst der eine ein Tor, dem man das nie zugetraut hätte! Die Menge staunt, hält eine Sekunde inne und brüllt vor Freude. Oder beim Skiweltcup steht eine Nation auf dem Podest, von der man einen Podestplatz nie erwartet hätte. Warum traut man den Aussenseitern solche Leistungen nicht zu?

 

Warum trauen wir einem Lastwagenchauffeur nicht zu, dass er eine Schwarzwäldertorte hinkriegt.


Es sind diese kleinen Nuancen, die es ausmachen. Dieses überrascht werden von etwas ganz Besonderem. Und man muss diese Dinge nicht immer kommentieren – sie sind einfach so und sie gehören zu einem. Mir ging es mit den Blogs auch so, ich bekomme oft zu hören: «Das hätte ich dir gar nicht zugetraut!» Ich mir aber schon und ich traue vielen Menschen noch ganz viel zu. Das Schöne, das Edle liegt aber im Moment und ich finde das wunderbar. Manchmal sind wir überrascht und brauchen eine Zeit, um diesen Moment wahrzunehmen. Wie oft habe ich schon in mich hinein gelächelt, wenn ich etwas beobachte und ich es diesem Menschen nicht zugetraut hätte – und warum? Nur weil er oder sie etwas «verstüpft» aussieht oder nicht der Norm entspricht?

Traut es euch und traut es anderen zu! Die Menschen auf dieser Welt sind spannend und stecken voller Überraschungen.

 

So geht das mit dem Zutrauen.

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