Linkshänder

Ich kenne viele, Linkshänder, und mein ältester Bruder (Thronfolge Nr. 1) ist auch einer. Wenn sie schreiben, das Glas in die Hand nehmen oder Brot schneiden, dann tue ich es auch. Ich frage: «Bist du Linkshänder?» Das ist so eine dumme Gewohnheit, und nur, weil etwas eben andersrum ist. Hand aufs Herz, mich hat noch kein Linkshänder gefragt: «Bist du Rechtshänder?» und mich dazu angesehen, als wäre ich soeben einem Ufo entstiegen. Dann neigen wir noch dazu, abschliessend zu sagen: «Ich kenne viele Linkshänder.»


Wenn etwas nicht ganz so der Norm entspricht, neigen wir dazu, uns mitzuteilen und als besonders tolerant einzustufen. Rechtshänder finden es wichtig mitzuteilen, dass man Linkshänder kennt. Heteros finden es wahnsinnig wichtig mitzuteilen, dass man Homos kennt und nichts gegen die hat. Weisse finden es wichtig mitzuteilen, dass man Dunkelhäutige kennt (oder Hispanics oder wie auch immer das heute politisch korrekt bezeichnet wird). Kinderlose Gottis und Göttis zeichnen sich aus, indem sie ganz besonders sein möchten. So originell, dass das Gottemeitschi oder der Göttibueb noch lange Albträume hat, nachdem es im Zoo war oder er im Kletterpark mit dem Flying Fox wie Tarzan durch die Lüfte schwebte. Und zu guter Letzt mein Liebling: «Ich kenne viele Leute, die eine Intoleranz haben, aber für mich kein Problem, ich koche gerne spezielle Gerichte.»


Ich möchte mal die Reaktion sehen, wenn ein Linkshänder sagt: «Bist du Rechtshänder?» und entsetzt die Hand vor den Mund schlägt. Oder eine Lesbe flüstert ganz im Vertrauen zu ihrer Heterokollegin: «In diesem Restaurant gibt es ca. 70 Heteros». Oder ein Dunkelhäutiger sagt zu einem Weissen: «In diesem Tram sitzen lauter Weisse», dazu nickt er andächtig und vielsagend. Oder der Laktose-Intolerante sagt zum Toleranten: «Ich würde gerne ein Fondue essen und zum Dessert ein Tiramisù.»


Dieses Spiel könnte man endlos weiterziehen und immer wieder fallen einem solche Vergleiche ein. Ich kann mich gut in die Situation des Linkshänders versetzten, es ist so ein Gefühl von touché – nicht grob, nur leicht und es tut nichts zur Sache. Ausser man macht sich mal Gedanken dazu.


Und nun noch so etwas, zwischen die Zeilen geschoben: Ich gehe in die Ferien, jawohl – jaja, an sich nichts Verrücktes, aber ich bin ganze drei Wochen weg. Und wenn ich das jemandem sage, dann kommt zu 80% immer die gleiche Reaktion: «Drei Wochen? Wo gibt es denn so was? Also ich möchte auch da arbeiten, ist ja wahnsinnig.»

Ihr könnt euch während meiner Abwesenheit gerne bewerben, unter dem Motto: «Ich bin nicht Tina, aber ich tu nur mal so.»

 

So geht das – mit links.

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