Begrüssungs- und Jubelrituale

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich im Tram zwei jugendliche Männer beobachtet, die sich begrüsst haben. Den Begrüssungstext habe ich nicht mitbekommen, da ich ja im Tram gesessen bin. Anhand des Rituals konnte ich mir den Text darauf jedoch vorstellen. Das ging in etwa so: Handschlag – aber nicht der «normale», sondern dieses Einschlagen – zeitgleich Schulter an Schulter und dann so komische Handdrehungen und Faust auf Faust und weiss ich was alles. Dauer: schätzungsweise fünf Sekunden. Ich war erstaunt und begeistert zugleich.

 

 

Seither beobachte ich Begrüssungsrituale explizit, ja ich würde sogar sagen, ich bin darin eine Spezialistin geworden. Der einfache, kurze Handschlag mit Augenkontakt ist ja sowas von out. Diese Begrüssung eignet sich vielleicht noch für das Bewerbungsgespräch. Sicher nicht unter Freunden, nein, nein, da muss schon was Besonderes her. Was mir persönlich je länger je mehr widersteht, ist das Begrüssungsritual à la Suisse Romande mit drei Wangenküsschen. Das kann ganz blöd nach hinten losgehen. Auch hier habe ich meine Beobachtungen und Erfahrungen gemacht. Ich hatte mal einen Chef, der pflegte diese Art und Weise mit lautlosen Küssen. Oder dann gibt es in meinem Freundeskreis eine Frau, die etwas ungestümer und grösser ist, als ich es bin. Dort lande ich meistens beim Hals. Und was auch ganz übel ist: Wenn beides Brillenträger sind, dann crashen die Guccis und Valentinos zusammen, da man ja wieder diese riesigen Modelle trägt. Ich war bekanntlich letzthin auf einer Hochzeit eingeladen... aah, das war aber ein Highlight für meine Studie! Drei Küsschen hier, drei Küsschen da, zur Begrüssung, zur Gratulation, zum schönen Wetter, zum Weisswein, zum einfach Sein und dann natürlich dasselbe in Grün zur Verabschiedung. Jaja, das war dann aussergewöhnlich, aber stillte meine pure Sensationslust zu Begrüssungs- und Glückwunschritualen.

 

Letzthin habe ich meine Mutter beim Flughafen in Belp überrascht. Sie musste gleich weiter und ich habe sie nur begrüssen und wieder verabschieden können. Natürlich habe ich ihr drei bzw. sechs Müntschis gegeben; es ist aber meine Mutter und das ist ok, wir pflegen das immer so zu tun. Man stelle sich vor, ich hätte voll eingeschlagen, Faust auf Faust... also das coole Ritual siehe oben – und zuletzt wäre ich ihr noch an die Schulter gesprungen: Sie hätte glatt den Bus nach Hause verpasst.

 

Jedem sein Begrüssungsritual, einverstanden. Nur, wie sage ich es, wenn ich diese Küsserei nicht mehr will? Und dann möchte ich sie vielleicht doch wieder? Es gibt ja auch Leute, da ist es nicht peinlich, sondern ich mag diese und deren Art. Ich bin diesbezüglich hilflos offen für Eure Ratschläge.

 

So. Nun wären da noch die Jubelrituale bei Sportlern oder Leuten, die auf der Bühne stehen. Ich kann es schon nachvollziehen. Wenn man ES endlich geschafft hat. Gold oder Tor oder einfach der oder die BESTE sein. Tadäm, dann zählt nur dieser Moment und da ist alles erlaubt und der Jubel ist grenzenlos. Doch, dafür habe ich Verständnis, weil auch ich bei einem Tor oder sobald die Ziellinie überfahren ist jubeln kann. Und ich mag es dem oder der SportlerIn von Herzen gönnen.

 

Nun folgt aber Teil zwei des Jubels und dieser ist bei rund der halben Weltbevölkerung (äxgüsi, liebe Männer) ausgesprochen nervig. Dieses Posen und dieses Brüllen, das Zeigen der Zähne – früher hätte man glatt die Amalgamfüllungen zählen können. Kurz: animalisch eben! Und diese Teil-zwei-Rituale muss man mir einmal erklären, die verstehe ich nicht. Was das Brüllen betrifft: Im Zoo habe ich solche Geräusche auch schon festmachen können. Der Torjubel beim Fussball... noch so eine Geschichte. Wer, liebe Bloggemeinde, kann mir diese Gebaren erklären?

 

Ich mache das in Zukunft nun so: Wenn ich einen fetten Auftrag an Land ziehe, ist meine letzte normale Handlung, das Telefon sorgfältig auf die Ladestation zurückzulegen.

 

Dann springe ich auf den Tisch... Hände in die Höhe... und vielleicht ziehe ich noch das T-Shirt aus und brülle in den Innenhof. Ganz Tier.

 

So geht das. Selbsterfahrung. Jawohl.

 

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