Figurella


Es gibt Menschen, die haben eine und es gibt Menschen, die brauchen keine; dann gibt es Menschen, die machen eine gute und es gibt solche, die eine schlechte Figur machen. Das Thema ist nie so aktuell wie im Sommer, wenn bei heissen Temperaturen sich die Röllchen nicht wegessen (das ist kein Verschreiber) lassen.


Ich lese tagtäglich in Zeitungen, im Internet oder im Tram von so Wundermittelchen. Wenn man die eine oder andere Kapsel isst, soll man gemäss Werbung in zwei Wochen bis zu vier Kilo abnehmen. Noch besser, die privaten TV-Sender am Samstagmorgen. Jaja, ich gebe es zu, ich schaue am Samstagmorgen fern und wenn ich jetzt schreibe, dass ich zum Bügeln TV schaue glaubt mir das zwar keiner, aber es ist so. Wo war ich? Ah ja: Offenbar gibt es Artischocken-Tabletten und kaum nimmt man diese ein, purzeln die Pfunde. Wird so angepriesen und verkauft.


Neuerdings haben viele Frauen zwischen 40 und 50 plötzlich Unverträglichkeiten. Mhm. Merkt man besonders, wenn man diese einlädt und sie dann so komisch viel Salat essen und beinahe Schnappatmungen bekommen, wenn Spaghetti’s im Topf vor sich hin plöderlen.


Letzthin war ich zu früh dran für einen Termin und bin dann einen Kaffee trinken gegangen. Hinter mir sassen vier Frauen, Alter: Ü65 (will ja mal höflich bleiben). Eine der Frauen, sie hiess Gertrud (nein, nicht Trudi, die anderen Ladies haben sie Gertrud genannt). Gertrud hörte nicht mehr so gut, oder sie hatte schlicht den Hörapparat vergessen. Gertrud kämpft nebst ihrem Hörproblem auch mit überflüssigen Pfunden. Dies nämlich hat sie gesagt und sie sagte auch, dass sie doch gar nichts mehr esse. Daraufhin meinte die Vernünftige im Bunde: «Gertrud nein, du isst das Falsche», worauf Gertrud leicht genervt antwortete: «Jaja, ich mache das Falsche» und so ging das munter hin und her. Ich konnte nicht anders, ich musste mich umdrehen, bevor ich das Lokal verliess. Die Damen sassen nicht etwa beim Kaffee, nein, nein, die hatten fett eine Flasche Weisswein zum Apéro vor sich. Und Gertrud hatte rote Backen und sie hat so gestrahlt. Wie gut sie das haben, diese vier Frauen, chly apéröle und nur noch das hören, was man hören will, aber das essen und trinken, was Freude macht.


Ich kenne viele Leute, die sich tagtäglich mit ihrer Figur auseinandersetzen und einfach nicht in die Gänge kommen mit ihren überflüssigen Kilos. Natürlich sind sie lästig und tun auf eine Art und Weise weh. Im Selbstbewusstsein, aber auch für die Seele. Wehmütig schauen sie auf die drahtigen und durchtrainierten Mitmenschen oder auf die Glücklichen, die essen können, was sie wollen. Aufgepasst: Ich rede hier nicht von wirklich übergewichtigen Menschen, sondern von Menschen mit Exklusivkilos und Hüftgold. Und so werte ich auch deren Kilos, die zu viel sind – sie sind nicht der Rede wert, ausser man tut was dagegen.


Aber messt mit gleich langen Ellen. Ich habe ja nun wirklich kein Problem mit meinem Selbstbewusstsein, aber auch ich habe Röllchen und Hüftgold. Ich weiss woher die kommen: Das sind alles Zeichen des puren Lebensgenusses! Leute, ich bin 46 Jahre alt, ich muss nichts mehr, ich kann und darf. In 20 Jahren mache ich es wie Gertrud, da gebe ich so richtig Gas, denn wie sang Udo Jürgens: «mit 66 Jahren, da fängt das Leben an, mit 66 Jahren, da hat man Spass daran».

Aufhören mit Figurella, Modifast, Artischocken-Tabletten und weiss ich was alles für Pulver. Beginnen mit Genuss, bewusstem und massvollem Genuss.


Eine gute Bekannte von mir (die ist ebenfalls mit Genusskilos ausgestattet) sagte einmal zu mir: «Ich hatte nie eine Figur und ich werde nie eine haben». So geht das.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0