Ratings – Geschmacksdoktrin in Raten?

Die Olympiade steht vor der Türe, die Fussball Europameisterschaft spuckte soeben Sieger Portugal aus. Beim Sport ist es einfach wunderbar – es gibt eine Rangierung, die man mehr oder weniger aus eigener Kraft erreichen kann. Es ist gegeben: Als Sportlerin erreicht man eine Zeit oder eine Höhe oder eine Weite, Fussballer beispielsweise schiessen Tore und das ist jeweils der Gradmesser. Eine ganz klare und einfache Handhabung. Dann sind da die Ausnahmen. Es gibt Sportarten, da entscheidet der Richter über die Punktzahl. Eiskunstlauf, Kunstturnen, Synchronschwimmen oder Turmspringen etwa.


Im Alltagsleben gibt es Ratings. Faszinierend, diese Ratings. Was dabei noch viel faszinierender ist, sind die Zusammensetzungen der Jurys. Es gibt Ratings, da vergeben Leute wie du und ich Punkte UND ein Kommentar darf auch nicht fehlen. Ehrlich gesagt war ich froh, als die Miss Schweiz Wahlen vom Bildschirm genommen wurden, denn das war ja nun wirklich der absolute Gipfel der Bewertung. Es gibt aber eine Branche, die lebt von Ratings – die Hotellerie und Gastronomie. Ein Tummelplatz von so genannten Experten.


Was mich im Jahr 2016 erstaunt, sind nicht nur die Jurys oder die Punktzahlen oder die Kommentare, warum nun und überhaupt. Nein, nein, mich erstaunen die Kategorien. Ist ja voll verschärft, ich kann es nicht anders sagen. Da gibt es Best-ofs wie: «Freundlichstes Hotel» oder «Best-of Familienhotels». Die Krönung beim besten Familienhotel finde ich die Fotos. Herrlich, die Zurbriggens und Walthers mit ihren Kindern. Solche Fotos gewinnen schon an sich einen Familienpreis.
Kleiner Rückblender. Ich stelle mir das Familienfoto der Müllers vor, nehmen wir das Jahr 1980. Meine Eltern wären ausgezeichnet geworden für vielleicht ähm, nun, «Best-of Familienunternehmen mit Ambitionen». Der Fotograf hätte beim Familienbild wahrscheinlich einen Nachmittag gebraucht, bis es gepasst hätte und nach dieser Session wäre er für zwei Wochen zur Kur gefahren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Brüder ein Lächeln zustande gebracht hätten; in dieser Zeit war pubertierende Coolness an oberster Stelle. Item.


Warum genau brauchen wir in der Hotellerie und Gastronomie Ratings? Wo bleibt die individuelle Kraft und Inspiration? Brauchen wir Punkte, damit wir auf diesem harten Markt überleben können? Brauchen wir das wirklich? Brauchen wir Journalisten, die in unseren Restaurants essen und sich dann darüber auslassen, obwohl sie von diesem Handwerk vielleicht gar nicht so viel verstehen, wie sie meinen?


Das Alter hat seine Vorteile. Gewisse Dinge nimmt man viel gelassener. Eines kann ich euch versichern: Das Alter meint es gut mit mir, denn ich kann heute über Ratings schreiben, ohne mich aufzuregen.
Ich lasse Milde walten, ich brauche es nicht mehr. Ich lese sie nicht mehr, ich ignoriere Ratings, weil ich sie nicht will.


Ich habe fertig mit Ratings.

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Kommentare: 3
  • #1

    Joel (Mittwoch, 13 Juli 2016 11:07)

    Ratings verschaffen, dem der keine Ahnung hat, das Gefühl Ahnung zu erhalten - und dem der Ahnung hat, entweder die Bestätigung Ahnung zu haben oder das Gefühl nicht ausreichend gewürdigt worden zu sein. Oder dass er im Dschungel von Punkten und Sternen schlicht und ergreifend vergessen wurde. Obwohl er seinen Job trotzdem gut macht. Auch ohne die narzisstische Bestästigung seiner Arbeit.

  • #2

    Stephan (Freitag, 09 September 2016 15:39)

    Letzthin wollte ich ein schönes Restaurant in Paris ausfindig machen und nutzte dazu Tripadvisor. Die Suche ergab 13'500 Restaurant und auch eine verzweifelte Reduktion auf "12ieme arrondissement" ergab noch über 700 Ergebnisse. Weitere Selektionen wie "regionale Küche" für die Gaumenpräferenz und "Mittelklasse" für die Preispräferenz hinterliessen noch immer 400 Resultate. Ich fragte mich nun: "Was ist der Unterschied zwischen dem Restaurant auf Platz 119 und jenem auf Platz 123?" oder gar der Unterschied zwischen Platz 37 und Platz 123?

    Der einzige Nutzen der Rankings: Man landet nicht in einer absoluten Spelunke - denn wer geht schon in Restaurant 13'500 essen. Das gleiche erreicht man allerdings auch, wenn man die Eingangstüre eines Restaurants öffnet und die Nase reinsteckt. Riecht's schlecht - 180° kehrt - es gibt noch 13'499 Alternativen.

  • #3

    Tammi Scheuermann (Mittwoch, 01 Februar 2017 17:51)


    I could not refrain from commenting. Very well written!